Mit vereinten Kräften: Winzergenossenschaften

Für Besitzer von nur wenig Rebfläche ist die Produktion eines eigenen Weins schlichtweg unwirtschaftlich. Hat man dies verinnerlicht, wird die Daseinsberechtigung, ja die Notwendigkeit von Winzergenossenschaften völlig klar. Dennoch haben sich hierzulande einige der Zusammenschlüsse ein Negativ-Image eingehandelt – der Weinqualität wurde lange zu wenig Beachtung geschenkt. Doch das Blatt wendet sich und auch im europäischen Ausland finden sich spannende Positivbeispiele. Kollege Stefan weiß mehr zu berichten.

Winzergenossenschaften existieren in Deutschland seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Einer Zeit, in der viele kleine Winzer aufgrund von politischen und wirtschaftlichen Umbrüchen – Stichwort industrielle Revolution – ein immer schwereres Auskommen haben. Auch die Reblaus-Katastrophe sowie die zwei Pilzkrankheiten Echter und Falscher Mehltau verschärfen die Situation extrem: Gesamte Ernten werden vernichtet und in Folge wandern tausende Winzer aus Mitteleuropa aus.

Doch eine Vielzahl von Weinbauern lassen sich nicht unterkriegen und versuchen die Flucht nach vorn: Mit anderen Winzern schließen sie sich zusammen, um ihre Kräfte in Bezug auf Traubenverarbeitung und -vermarktung zu bündeln. Eine zentral genutzte Kellerei stellt dabei eine sinnvolle, aber auch risikoreiche Großinvestition für die Mitglieder dar.

Winzergenossenschaften in Deutschland

Es ist wenig verwunderlich, dass Winzergenossenschaften vor allem in Weinbau-Gebieten eine wichtige Rolle spielen, in denen einzelne Winzer oft weniger als einen Hektar Rebfläche besitzen.

Die 1855 gegründete Weingärtnergenossenschaft Neckarsulm-Gundelsheim in Württemberg sowie der 1868 gegründete Winzerverein Mayschoß an der Ahr sind dabei die ältesten Winzergenossenschaften des Landes und auch heute noch besitzen sie eine große Bedeutung.

Weinberge in Baden

In Baden befindet sich eine der größten Winzergenossenschaften Deutschlands

Der Badische Winzerkeller – „Die Sonnenwinzer“ – aus Breisach in Baden ist aktuell einer der größten Winzergenossenschaften Deutschlands: 4.000 Winzer bewirtschaften zusammen 1.700 Hektar. Auch die auf Riesling spezialisierte Genossenschaft Moselland gehört mit 1.800 Winzern und insgesamt 1.900 Hektar Rebfläche an der Mosel zu den ganz großen Namen des Landes.

Aktuell existieren in Deutschland rund 150 Winzergenossenschaften, die sowohl ein Drittel der Gesamtrebfläche als auch der Gesamtweinproduktion des Landes ausmachen. Dabei sinkt die Gesamtanzahl der Genossenschaften seit Jahrzehnten stetig – vor allem durch den Zusammenschluss von kleinen Genossenschaften mit großen.

Das Qualitätsniveau der einzelnen Winzergenossenschaften ist in Deutschland recht heterogen. Doch lässt sich insgesamt konstatieren, dass die angebotenen Weine zwar modern und sauber gemacht sind, aber zum Großteil günstige Massenware darstellen.

Winzergenossenschaften in Europa und der Welt

1898 wird in Traismauer die erste Winzergenossenschaft Österreichs gegründet. Mittlerweile ist sie Teil der Winzer Krems – mit 1.200 Mitgliedern und 900 Hektar Rebfläche die größte Genossenschaft des Landes.

In Frankreich sind Genossenschaften vor allem in den riesigen Weinregionen im Süden weit verbreitet: Languedoc-Roussillon, Provence und das Rhônetal beheimaten gut 600 Caves Coopératives – Anfang der 1990er-Jahre waren es noch über Tausend. Trotz des Rückgangs stehen Kooperativen in Frankreich noch für die Hälfte der Weingesamtproduktion. Auch in Italien, Spanien und Portugal haben Winzergenossenschaften noch einen vergleichbar hohen Stellenwert.

Eine Weinregion wie das italienische Südtirol gilt es dabei in Bezug auf die Weinqualität hervorzuheben: Sie ist von vielen Winzergenossenschaften geprägt, da hier ebenfalls sehr kleinteilige Besitzverhältnisse existieren. Doch stammen in Südtirol einige der besten Weine der Region von Genossenschaften.

In der Neuen Weinwelt haben Genossenschaften aufgrund des nicht vergleichbaren geschichtlichen Hintergrunds keine starke Ausprägung. Nur in Südafrika spielte eine Winzergenossenschaft lange eine große Rolle: KWV (Ko-operatiewe Wijnbouwers Vereniging van Zuid-Afrika) hatte über hundert Jahre eine dominierende Marktmacht und war in den 1920er-Jahren sogar die größte Winzergenossenschaft der Welt. Auch heute noch wird hier erfolgreich Wein produziert.

Empfehlenswerte Winzergenossenschaften

Die Winzergenossenschaft Achkarren hat ihren Sitz im gleichnamigen Örtchen in Baden und die aktuell 277 Winzer bewirtschaften 190 Hektar Rebfläche. Dabei ist das Qualitätsniveau erstaunlich hoch – die Winzergenossenschaft gehört zweifelsfrei zu einer der besten Deutschlands. Dabei überzeugen vor allem die Weine aus Burgunder-Rebsorten. Zudem bietet die hauseigenen Vinothek Weine an, die bis zum Jahrgang 1942 zurückreichen.

Kellerteam Winzergenossenschaft Achkarren

Das Kellereiteam der Winzergenossenschaft Achkarren

In Österreich wird die Domäne Wachau mit ihren 250 Mitgliedern und 420 Hektar Rebfläche für das hohe Qualitätsniveau sehr geschätzt. Insbesondere Weine der weißen Rebsorte Grüner Veltliner bieten großen Genuss.

Wie bereits erwähnt, haben Winzergenossenschaften in Südtirol eine ganz besondere Tradition und niemand würde bei den hier produzierten Weinen eine geringe Qualität vermuten. Bestes Beispiel ist die Kellerei Eisacktal, die mit 135 Winzern aus 150 Hektar Rebfläche hervorragende Weine hervorbringen.

Die italienische Weinregion Apulien und die hier angebaute Rebsorte Primitivo sind in Deutschland enorm beliebt. Genossenschaften spielen dabei eine zentrale Rolle. Die Cantina Vecchia Torre stellt mit 1.240 Winzern und 1.100 Hektar einen wichtigen Großproduzenten dar. Von hier stammen viele Weine mit hervorragendem Preis-Genuss-Verhältnis.

Im Languedoc ist mit Foncalieu eine französische Top-Winzergenossenschaft zuhause. Von den 650 Winzern, die hier 4.500 Hektar Rebfläche bewirtschaften, stammen Weine in Bio-Qualität, exklusive Weine aus Einzellagen, aber auch experimentierfreudige Projekte wissen zu begeistern. So findet sich bei Foncalieu beispielsweise ein Weißwein namens Sillages, der aus der Rebsorte Albariño besteht – sonst nur in Portugal zu finden.

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