Phylloxera: kleine Reblaus sorgt für Riesenkatastrophe


Fast jeder Weinfreund dürfte von dem kleinen Insekt schon einmal gehört haben. Doch kaum jemand weiß, was eine Reblaus ist, und wie sie es schaffte, fast den gesamten europäischen Weinbau zu zerstören. Unser Zwerglausexperte Jochen Pfadler gibt uns einen wissenswerten Überblick.

Der Lebenszyklus der 0,28 bis 1,35 Millimeter großen Reblaus – lateinisch Phylloxera – ist sehr komplex. Vereinfacht lässt sich sagen, dass sich die Reblaus während der Fortpflanzungsphase zuerst von den Blättern und später unterirdisch von den Wurzeln der Reben ernährt. Der Blätterbefall ist nicht lebensbedrohlich für die Pflanze, doch sorgen die Schäden an den Wurzeln dafür, dass die Pflanze letztlich kein Wasser und keine Nährstoffe mehr aufnehmen kann. In der Folge stirbt die Rebe komplett ab.

In ihrer ursprünglichen Heimat Nordamerika konnte die Laus diesem zerstörerischen Werk nie nachkommen, da die dort heimischen Reben resistent gegen das kleine Tierchen sind. Sie haben evolutionär die Fähigkeit entwickelt, die Einstichstellen der Reblaus an den Wurzeln mit Korkgewebe (sic!) zu verschließen, bevor es zu größerem Schaden kommt. So erklärt sich, dass die Reblaus in Nordamerika zunächst völlig unbeachtet blieb.

Wer hätte da ahnen können, dass ausgerechnet die europäische Weinreben-Art Vitis Vinifera diesen entscheidenden Abwehrmechanismus nicht besitzt? Und schlimmer noch: Im Gegensatz zu den USA, wo viele verschiedene Vitis-Arten heimisch sind – die allermeisten gegen die Reblaus resistent – war in Europa fast ausschließlich Vitis Vinifera verbreitet.

Reblaus

Vermutlich wurde die Reblaus um 1860 von der nordamerikanischen Ostküste über London nach Frankreich eingeschleppt.

Wie kam es zu der Reblaus-Katastrophe?

Heute geht man davon aus, dass die Reblaus Anfang der 1860er Jahre von der nordamerikanischen Ostküste über London nach Frankreich eingeschleppt wurde – vermutlich durch an Kleidung haftenden Reblaus-Eiern. Seinen Anfang nahm der Reblaus-Befall aller Wahrscheinlichkeit nach in Südfrankreich, im Gebiet Côtes-du-Rhône. Von hier aus verbreitete sich Phylloxera zunächst vollkommen unbemerkt im ganzen Land. Denn die Reblaus wurde – wie bereits angemerkt – aufgrund des langen Lebenszyklus der Population nicht sofort als lebensbedrohlich für die Reben wahrgenommen.

In Österreich trat die Reblaus 1867 das erste Mal in Erscheinung, in den deutschen Weinbaugebieten begann die Ausbreitung sieben Jahre später. Um 1900 wütete die Reblaus nicht nur in ganz Europa, sondern zerstörte auch Weingärten in Südafrika, Neuseeland und Teilen Australiens. Ironischerweise importierten auch Winzer aus Kalifornien europäische Vitis Vinifera Reben, da sie hofften, sie seien den amerikanischen Reben in Sachen Qualität überlegen. Das Resultat waren fast 7.000 Hektar zerstörte Rebfläche in Kalifornien.

So vernichtete die Reblaus die Existenzen tausender Winzer und viele davon waren bereits davon überzeugt, dass die Reblaus schlechthin das Ende des Weinbaus bedeutete. Mehr als 70 Prozent der gesamten europäischen Anbaufläche waren befallen, darunter praktisch alle Top-Lagen im Bordeaux und Burgund.

Man versuchte viel, um sich gegen die Plage zu wehren. Für gute Ideen lobte die französische Regierung sogar Preisgelder aus. Schließlich hatte das Land gerade erst die Mehltaukrise überwunden. Aber auch das Fluten der Weingärten mit Wasser oder der Einsatz von hochgiftigem Schwefelwasserstoff brachte die Laus nicht aus der Ruhe.

Reblaus

Da die amerikanischen Reben resistent gegen die Reblaus waren, begann man in den 1880er Jahren auf die befallenen europäischen Reben einfach amerikanische Wurzeln („Unterlagen“) zu propfen.

Wie wurde die Reblaus-Katastrophe beendet?

Die Lösung des Problems basierte dann – wie so häufig – auf der Beantwortung einer ganz logischen Fragestellung: Wenn die Reblaus aus den USA zu uns gefunden hat, wie kann es dann sein, dass sie dort nie für Probleme gesorgt hat? Geradezu wie ein Geistesblitz entstand so die Vermutung, dass die amerikanischen Wurzeln resistent seien.

So begannen in den 1880er Jahren die ersten Versuche, befallene europäische Reben auf amerikanische Wurzeln („Unterlagen“) zu propfen – allen voran verwendeten die Winzer hierfür die Arten Vitis Riparia, Vitis Rupestris und Vitis Berlandieri.

Diese aufwändige Vorgehensweise war schließlich von großem Erfolg gekrönt. Es sollte zudem die einzige Hoffnung auf Rettung bleiben. So ist es nicht verwunderlich, dass heute praktisch alle europäischen Rebstöcke auf amerikanischen Wurzeln stehen. Wurzelechte Rebanlagen sind zwar auch in Deutschland vorhanden, zum Beispiel an der Mosel, doch sind die Bestände gering.

Einzig die Weinländer Chile und Zypern blieben bis heute aufgrund ihrer durch Berge und Wasser isolierten Lage gänzlich verschont. Zudem weiß man mittlerweile, dass sehr sandhaltige Böden kein attraktives Habitat für die Reblaus darstellen.

Reblaus

Positiver Nebeneffekt der Reblaus: längst ist die Wahl einer zum Bodentyp passenden Wurzel-Art ein zentraler Bestandteil bei Neuanpflanzungen geworden.

Wurzelecht oder gepfropft: was ist besser?

Trotz der verheerenden Bilanz der Reblaus, hat sie aus Sicht vieler Winzer auch etwas Positives gebracht: Mittlerweile ist die Wahl einer zum Bodentyp besonders passenden Wurzel-Art ein zentraler Bestandteil bei Neuanpflanzungen. So gibt es beispielsweise Unterlagen, die besonders gut für alkalisch geprägte Böden geeignet sind und somit einen idealen Partner für Reben abgeben, die auf kalkhaltigem Boden stehen. So wie zum Beispiel in der Champagne oder dem Chablis-Gebiet der Fall.

Durch diese Flexibilität sind viele Winzer davon überzeugt, dass die Abstimmung der Pflanze auf den idealen Wurzelpartner die Weinqualität positiv beeinflusst. Zudem lassen wurzelechte Reben grundsätzlich keine hohen Erträge zu.

Doch andere Winzer schwören auf Weine, die von wurzelechten Rebanlagen stammen. Erst kürzlich erklärte mir ein Winzer an der Mosel, der über wurzelechte Flächen verfügt: Die kleinen Riesling-Beeren wurzelechter Reben zeigen im Reifeprozess erst eine grüne Farbe, dann werden sie gelb und schließlich haben sie einen satten Goldton. Beeren von Reben mit amerikanischen Wurzeln erreichen nie diesen Goldton, sondern reagieren nach dem gelben Stadium sehr anfällig auf Fäule. Riesling-Weine aus den vollreifen, goldenen Trauben hält er nicht nur für besser, sondern auch für stilistisch ganz anders, für ursprünglicher.

Reblaus

In den 1980er Jahren vernichtete die Reblaus in Kalifornien rund 25.000 Hektar Rebfläche, was die Winzer ca. sechs Milliarden US-Dollar kostete.

Status Quo Reblaus: Gefahr gebannt?

Doch auch nach der Katastrophe im 19. Jahrhundert muss die Reblaus unbedingt im Auge behalten werden. So wurden in den Neunzehnhundertachtzigern 25.000 Hektar Rebfläche in Kalifornien durch die Reblaus zerstört. Und das nur, weil ein vermeintlich gut passender Wurzeltyp eingesetzt wurde, der aber bereits dafür bekannt war, keine ausreichende Reblaus-Resistenz zu besitzen. Circa sechs Milliarden Dollar Lehrgeld mussten die Winzer dafür zahlen.

Aber auch aktuell sollte man die Reblaus-Bedrohung nicht ad acta legen. Zum einen gilt es die wurzelechten Lagen besonders zu schützen. Zum anderen existieren immer noch Wurzeltypen, die nicht verlässlich resistent sind.

Ohne Laus auf der Leber: zwei Weintipps

Als weinfreundschaftlicher Tipp eignen sich für dieses etwas düstere Thema zwei Weine, die besonderen Bezug auf die Thematik nehmen:

Reblaus

Ein wunderbarer Rotwein von der südlichen Rhône in Frankreich. Er stammt aus dem Gebiet, in dem die Reblaus-Katastrophe ihren Anfang nahm. Garantiert nicht wurzelecht!

Les Audacieux Cairanne Cote du Rhone Village

Reblaus

Aus Chile stammt die zweite Empfehlung. Diese Cuvée wurde aus Cabernet Sauvignon und Carménère Reben produziert. Ganz sicher wurzelecht und somit in gewisser Weise ursprünglicher als die meisten europäischen Weine.

Cabernet Sauvignon Carmenere Montes

 

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