Die Scheurebe

Aromatischer Newcomer aus Deutschland


Unser Weinfreund Jürgen Overheid legt jegliche Zurückhaltung ab und wirbt lauthals für die leicht zu übersehende Scheurebe. Über eine gerade hundert Jahre alte Neuzüchtung und ihre aromatische Karriere.
 

Oft steht sie im Schatten der bekannten deutschen Weißweinsorten wie Riesling oder Silvaner, dabei hat die so junge Scheurebe insbesondere aromatisch einiges zu bieten. Nur so erklärt sich, warum ihr Name nicht selten auf den Etiketten höherwertiger Prädikatsweine zu finden ist. Denn nicht zuletzt waren es die ersten Beerenauslesen und Trockenbeerenauslesen in den 1950er Jahren, die vernehmlich aufhorchen ließen und der neuen Rebsorte wachsende Beliebtheit einbrachten. In den 1970er Jahre kam es gar zu einem kleinen Scheurebe-Boom. Aktuell schätzt man die Rebfläche, die in Deutschland mit Scheurebe bestockt ist, auf rund 1.800 Hektar ein. Doch alles der geschichtlichen Reihe nach.

Schwierige Namensfindung & ein DNA-Test

Mitten im Ersten Weltkrieg, die Westfront ist nur knappe 200 Kilometer entfernt, arbeitet Julius Georg Scheu in der Landesanstalt für Rebzüchtung in Alzey an neuen Kreuzungen. Besondere Hoffnung setzt er dabei auf den Sämling 88 seiner Versuchsreihe, den er 1916 vorstellt. Es handelt sich angeblich um eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner – erst knapp hundert Jahre später schafft eine DNA-Analyse diesen Irrtum aus der Welt: Seit 2012 wissen wir sicher, dass die Scheurebe tatsächlich eine Neuzüchtung aus Riesling und der Bukettrebe ist. Letztere Rebsorte wurde wiederum im 19. Jahrhundert aus einer Kreuzung von Trollinger und Silvaner gezüchtet.

Scheurebe Trauben

Lange wurde die Scheurebe für eine Kreuzung aus Riesling und Silvaner gehalten. Erst seit 2012 kennen wir die Wahrheit.

Aber auch die Namensgebung der Scheurebe weist so manche Irrungen und Wirrungen auf. Am Anfang nennen die Winzer die Rebsorte schlicht „Sämling 88“, ganz wissenschaftlich penibel. Bald jedoch will man die Rebsorte zu Ehren des Züchters „Scheus Liebling“ nennen, doch der unfreiwillig Vereinnahmte lehnt dankend ab. Es folgt ein trauriges Kapitel, da während der Nazi-Diktatur dem Landesbauernführer von Hessen-Nassau, Dr. Richard Wagner, die Ehre zuteil wird, den Namenspaten zu geben. In der Literatur jener Jahre ist daher von der „Dr. Wagnerrebe“ zu lesen.

Das rheinhessische Alzey. Geburtsort der Scheurebe.

Hier im rheinhessischen Alzey entwinkelte Julius Georg Scheu 1916 den „Sämling 88“, welcher über die Jahre viele Namen trug.

Neustart mit bewährten Tugenden

Nach dem Zweiten Weltkrieg erfährt der Rebsortenname eine Art Entnazifizierung und nach dem Tod von Julius Georg Scheu (1949) heißt die Rebe nun offiziell Scheurebe. Aber dem wahren Weinfreund geht es schließlich nicht um Namen und es ist ein anderer Grund, warum die Scheurebe in Deutschland und Österreich solche Beachtung erhält. Immerhin gilt die Scheurebe nach dem Müller-Thurgau (Rivaner) als zweiterfolgreichste deutsche Neuzüchtung.

Winzer und Weinliebhaber schätzen die Scheurebe vor allem wegen ihrer besonderen Aromatik und der feinfruchtigen Süße. Zu allererst schwarze Johannisbeere (Cassis), mitunter auch Aromen von tropischen Früchten wie Mango zeichnen das Bukett aus. Eine edelsüß ausgebaute Scheurebe besticht meist mit eindringlichen Noten von Pfirsichen.

Unsere Wein-Tipps

Leicht als Kabinett ausgebaute Scheureben empfehlen sich als unkomplizierte Weißweine für alltägliche Freuden. Eine trockene Scheurebe bringt sich zudem als exzellenter Essensbegleiter ins Spiel, da sie wunderbar auch mit würzigen Ragouts, aber auch Fisch und Geflügel harmoniert. Aber selbstverständlich gilt auch für die gar nicht so scheue Scheurebe: Probieren geht über Studieren. Deshalb hier unsere Weintipps zu Scheurebe.

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