Piwi: Reben für den Widerstand

Am 14. November 2023 · von Sven Reinbold

Hinter der Abkürzung PIWI verbergen sich die sogenannten „pilzwiderstandsfähigen Rebsorten“. Neuzüchtungen, die aus Kreuzungen von Sorten der bekanntesten Art Vitis Vinifera mit Rebsorten anderer Vitis-Gattungen hervorgegangen sind. Dabei steht die Resistenz gegenüber Pilzkrankheiten im Vordergrund, um auf Pflanzenschutzmittel verzichten zu können.

Gesunde Trauben in voller aromatischer Pracht, ohne dass zu Kupfer, Schwefel oder Chemie gegriffen werden muss, weil Pilze und Schädlinge die Reben attackieren. Sven Reinbold über die hehre Mission der PIWIs, der pilzwiderstandsfähigen Rebsorten.

Wofür steht PIWI bei Wein?

PIWI klingt niedlich und lässt viele Assoziationen zu, aber nicht unbedingt die von Wein. Dabei geht es bei PIWI genau darum. Hinter dem Kunstwort verbergen sich nämlich die, „pilzwiderstandsfähigen Rebsorten“. Das wiederum klingt in den Ohren von Weintrinkern überhaupt nicht niedlich und sympathisch – weshalb die heiter wirkende Abkürzung plötzlich doch Sinn ergibt. Heute wird der Begriff PIWI sogar in den USA verwendet, allerdings ohne Bezug auf die sperrige Langform aus Deutschland. Hier steht PIWI ganz selbstbewusst und treffend für „Pioneer Wines“.

Ohne Reblaus-Katastrophe keine PIWIs

Um den PIWI Trend zu verstehen, muss man unbedingt den Blick in die Vergangenheit richten: Als Ende des 19. Jahrhunderts die Reblaus (Phylloxera) die Rebflächen in nahezu ganz Europa in Angriff nimmt, ist dies allerorten für die Winzer eine Katastrophe. Abhilfe schafft damals – und bis heute – der Blick über den großen Teich. Da die Wurzeln der amerikanischen Vitis-Gattungen resistent, also widerstandsfähig, gegen den Befall von Phylloxera sind, pfropft man auf amerikanische Wurzel europäische Reben.

Zur Bewältigung der Reblaus-Katastrophe sind die amerikanischen Wurzeln sehr willkommen, als echte Weinreben sind sie es ganz und gar nicht. Der Anbau von Amerika-Reben wird offiziell untersagt, da die daraus entstehenden Weine eine schlechte Aromatik besitzen, heißt es (siehe den Abschnitt zum Fox-Ton).

Um von der Pilzwiderstandsfähigkeit dennoch profitieren zu können, kreuzte die PIWI-Bewegung schließlich Vitis-Vinifera-Rebsorten mit Amerika-Reben, um Neuzüchtungen zu erhalten, die einerseits gesetzeskonform sind und andererseits die Resistenzen der Amerika-Reben besitzen.

Reblaus

Anfänglich waren nur amerikanische Reben resistent gegen die Reblaus

PIWI, amerikanische Reben und Pilzdruck

Der Kritik an den aromatischen Qualitäten zum Trotz bleibt also das Interesse an den pilzresistenten Eigenschaften der Reben groß. Gerade in nördlichen Weinregionen mit mehr Feuchtigkeit stellen der Befall mit Pilzen – der sogenannte Pilzdruck – ein Problem dar. Die Krankheiten bedrohen den Ertrag eines Jahres und trüben die Qualität der Weine. Also wird gegengesteuert und das heißt im sanftesten Fall Kupfer, aber noch viel öfter Chemie. Dabei ist diese Lösung auf Dauer gar keine, sodass die Idee, mit neuen Kreuzungen widerstandsfähigere Reben mit eigener Aromatik zu finden, nie ganz aufgegeben wird. Das ist letztlich der Beginn der PIWI-Bewegung. Man will durch klassische Kreuzung – keine Gentechnik – neue, bessere Sorten entwickeln.

Zu Beginn kommen ausschließlich die amerikanischen Reben zum Zuge. Mittlerweile gibt es aber auch Versuche mit asiatischen Reben, auch wenn das im Weinland China selbst keinen interessiert. Treiber der Bewegung sind einzelne Rebenzüchter, aber auch staatliche Organisationen züchten und erproben beständig neue Reben.

Fox-Ton bei PIWIs: Weinfehler mit Vorurteil

Eigentlich sind Neuzüchtungen in der Weinwelt nichts Neues. Ein schneller Siegeszug ist jedoch den wenigsten vergönnt, wie das Beispiel der so gern unterschätzten Scheurebe zeigt. Den Kreuzungen mit amerikanischen Reben hängt zudem lange das Vorurteil nach, nur zu gern einen besonderen Fehlton in den Wein zu bringen.  Der sogenannte Fox-Ton wird als unangenehmer Geruch von nassem Fuchsfell beschrieben. Im Gegensatz zu den meisten anderen Weinfehlern wird der Fuchs-Ton speziell den amerikanischen Reben zugewiesen. Wer sich davon überzeugen möchte, dass der Fox-Ton besser ist als sein Ruf, sei die österreichische Spezialität Uhudler empfohlen. Hierfür kommt eine Rebsorte namens Concord zum Einsatz. Sie gehört der amerikanischen Gattung Vitis Labrusca an.

PIWI Rebsorten

Weigläser auf Holzfass

Zu den bekanntesten PIWI-Rebsorten gehören Cabernet Blanc, Regent und Monarch

Einige bekannte PIWI-Rebsorten sind Cabernet Blanc, Regent und Monarch. Aber es gibt noch viele weitere Sorten, die in verschiedenen Regionen erfolgreich kultiviert werden. Hier eine Übersicht von PIWI Rebsorten:

Rot

Weiß

Wie schmecken PIWI Weine?

Aufgrund der Rebsortenvielfalt liegt auf der Hand, dass PIWIs ähnlich abwechslungsreich daherkommen, wie Weine aus den klassischen Vitis-Vinifera-Rebsorten. Vorurteile, dass PIWI Weine nicht die Qualität der angestammten Weine erreichen kann, besitzen keine ernstzunehmende Grundlage. Fakt ist jedoch, dass PIWIs bisher selten in den Top-Lagen von Weinregionen angebaut werden. Auch existieren noch keine grundlegenden Erfahrungen mit einer möglichen Qualitätssteigerung bei Trauben von alten Rebstöcken. Zudem widmen sich noch wenige Spitzenwinzerinnen und Spitzenwinzer den PIWI Rebsorten.

PIWI Zukunftsaussichten

PIWI-Rebsorten bieten eine vielversprechende Zukunftsperspektive für den Weinbau, da sie eine nachhaltige Alternative zu herkömmlichen Weinbaupraktiken darstellen. Mit der ständigen Weiterentwicklung und Züchtung neuer Sorten werden PIWI-Weine in Zukunft noch mehr an Bedeutung gewinnen.

Weinregion Baden

Auch in Deutschland wird an der Züchtung und Erprobung von PIWI-Rebsorten geforscht

In Deutschland ist das Staatliche Weinbauinstitut Freiburg ein Vorreiter bei der Züchtung und Erprobung von PIWI-Rebsorten. Sie spielen eine wichtige Rolle bei der Förderung nachhaltiger Weinbaupraktiken und der Entwicklung von Weinen, die sowohl umweltfreundlich als auch geschmackvoll sind.

PIWIs im Sortiment von Weinfreunde.de

PIWI Weine sind im Weinfreunde-Shop noch spärlich gesät. Ein Volltreffer ist allerdings eine hundertprozentiger Cabernet Blanc aus der Pfalz. Sein Konterpart ohne Promille ist der „Jederzeit alkoholfrei“. Der Wein vom Neuspergerhof besteht ebenfalls zu 100 % aus Cabernet Blanc. Zudem findet sich ein Rotling vom Juliusspital in Franken im Sortiment, der Regent enthält.

Bleibt abzuwarten, ob der ökologische Vorteil – weniger externer Pflanzenschutz – und der Klimawandel dafür sorgen, dass mehr PIWI-Sorten den Weg in die Weinberge und unsere Weinflaschen finden. Solange sie auch mit Qualität überzeugen, kann man solche Unternehmungen nur gut finden.

Jederzeit alkoholfrei
Weinempfehlung
Wein aus Piwi Trauben
Jederzeit alkoholfrei
Neuspergerhof
WeißweinCabernet BlancPfalz
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