Mit absoluter Hingabe Wein machen – Interview mit Juan Luis Cañas

Die Menschen kennenzulernen, die hinter den Weinen stehen, die wir so mögen – das hat seinen Reiz. Erst recht, wenn es sich um solch eine Persönlichkeit wie Juan Luís Cañas vom gleichnamigen Weingut aus der Rioja handelt. Wir hatten das Vergnügen.

Mitten in der Rioja Álavesa liegt das beschauliche Villabuena de Ávala. Dort hat die Bodegas Luís Cañas ihr Zuhause. Das Familienunternehmen zählt mit 450 Hektar Rebfläche zu den Großen und vor allem Namhaften in der Region. Bis vergangenes Jahr waren die inspizierenden Spaziergänge des „alten“ Luis Cañas noch eine Alltäglichkeit in der Bodega. Doch leider verstarb der Gründer im Alter von 91 „Weinlesen“ im Dezember 2019. Seit etwa 30 Jahren führt sein Sohn Juan Luís die Bodega – und das mit ungeheurem Erfolg. Zahlreiche Auszeichnungen und gut dotierte Kritiker-Punkte für die Weine des Hauses, haben die Bodega schnell in den Kreis der international bekannten Weingüter aus der Rioja geführt. Um so dankbarer sind wir, dass Juan Luís Zeit für ein Gespräch mit uns gefunden hat.

Señor Cañas, die Bodegas Luís Cañas sind ein echtes Familienprojekt. In vier Generationen vom einfachen Weinbauern zum international bekannten Weingut. Was ist das Erfolgsrezept Ihrer Familie?

Juan Luís Cañas: Wahrscheinlich ist es einfach Beständigkeit. Dazu der Umstand, dass die Arbeit in den Weinbergen und das Herstellen des Weines für uns mehr Lebensstil als Geschäft ist. Deshalb nehmen wir all die Arbeit an, die damit verbunden ist und stellen uns den Herausforderungen, die immer wieder auftauchen – und zwar mit absoluter Hingabe. Als Familienunternehmen haben wir stets die Freiheit gehabt, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen. All unsere Investitionen in die Qualität der Weingärten und der Kellerei konnten wir deshalb unabhängig von irgendwelchen Bedenken irgendwelcher Investoren vornehmen. Schließlich wollen wir immer noch kontinuierlich besser werden.

Reserva 2013
Luis Cañas
Reserva 2013

Ihr Vater, der die Bodega gegründet hat, war sicherlich sehr stolz auf das Erreichte und seinen Sohn. War es immer einfach zwischen Vater und Sohn, wenn es um den Ausbau der Bodega ging?

Juan Luís Cañas: Allein meinem Vater verdanken wir es, dass wir überhaupt hier sind. Er war einer der ersten Weinbauern in der Region, der den Schritt in Richtung Bodega machte, als er gemeinsam mit meiner Mutter eigene Flaschenweine abfüllte und verkaufte. Als ich in den 1980er Jahren anfing in der Bodega mitzuarbeiten, war mein Vater bereits ein angesehener Fachmann für die Kohlensäuremaischung (Maceración carbónica) in der Rioja Alavesa. Die Weine seiner Bodega waren damals ungeheuer beliebt.

Bodegas Luis Canas

Bodega in der Rioja von Juan Luís Cañas zur heutigen Zeit

Und ja, Veränderung kostet Kraft. Als ich das erste Mal mit ihm darüber sprach, Fässer für die Holzreife unserer Weine zu kaufen, habe ich nicht gerade Begeisterung bei ihm ausgelöst. Das ist schon wahr. Aber ich war mir sicher, dass unsere Weine sich bestens für diesen Ausbau eigneten und ihnen mehr Vielschichtigkeit, Struktur und Lagerungsfähigkeit verleihen würden. Schließlich bekam ich die Gelegenheit, meine Idee umzusetzen – und ebenso muss ich heute meinen Sohn auch „lassen“, damit diese Geschichte fortgeschrieben wird. Gewinne das Vertrauen, jener, die dich umgeben, und dann vertraue ihnen. So machen wir das.

Insbesondere Ihre Mutter hat Sie sehr geprägt. Sie haben deshalb auch eine neue Bodega mit dem baskischen Wort für Mutter (Amaren/de la madre) versehen. Warum ist sie so wichtig?

Juan Luís Cañas: Ich bin mir ganz sicher, dass meine Mutter, die eher unauffällig im Schatten meines Vaters arbeitete, die gute Seele der Familie und der ganzen Bodega gewesen ist. Ihre Willenskraft und Begeisterung, ihre Großzügigkeit, ihr Wagemut und ihr steter Blick nach vorne, all das sind Dinge, die sich mir tief eingegraben haben.

Die Rioja Álavesa gilt als beste Unterregion der ohnehin schon als DOCa eingestuften Rioja. Was ist das Besondere dieser Region?

Juan Luís Cañas: Ohne in die Diskussion einsteigen zu wollen, welche Unterregion in der Rioja die beste ist, lässt sich zweifelslos feststellen, dass die Rioja Àlavesa Merkmale aufweist, die es nur hier gibt. Die Lage zwischen den Städten Labastida und Laguardia, geschützt von der Sierra Cantabria und im Süden vom Ebro umsäumt, hat ihre eigenen Gesetze. Hier gibt es viele kleine, aber sehr alte Weingärten, ganz eigene kleine Ökosysteme. Dazu zählt auch die traditionelle Buscherziehung der Reben, die Arbeit von Hand und die Verbundenheit der Menschen mit den Reben… es ist so vieles, was uns auszeichnet.

Die Rebflächen der Bodega sind in mehrere hundert Parzellen unterteilt. Warum diese außerordentliche Akribie und die zusätzlichen Mühen?

Juan Luís Cañas: Die Einteilung unserer 450 Hektar Rebfläche in genau 1123 Plots oder Parzellen ist quasi ein weltliches Erbe. In diesem Gebiet, rund um Villabuena de Ávala und den angrenzenden Dörfern, findet man den höchsten Anteil alter Rebbestände im gesamten Gebiet. Gleichzeitig ist der Grundbesitz total aufgesplittert, was zu „Minibesitztümern“ ohne gleichen geführt hat. Diese Aufteilung zu bewahren und mit ihr zu arbeiten kostet allerdings sehr viel Mühe. Aber im Gegenzug erhalten wir so Trauben mit großem Charakter und mehr Ausdruck – was man unseren Weinen sicherlich anmerkt.

Bodega Luis Canas

450 Hektar Rebfläche

Beschreiben Sie bitte den Weinstil des Hauses näher. Was haben der Crianza, der Reserva sowie der Reserva Selección de la Familia gemeinsam?

Juan Luís Cañas: In Frankreich würde man wohl von der Handschrift des Winzers sprechen. Alle drei Weine entstammen demselben Terroir. Rund 90 Prozent unserer Rebflächen befinden sich in einem Umkreis von nur drei Kilometern rund um die Bodega. Indem wir aber nach Parzellen unterscheiden und anschließend die einzelnen Cuvées entwickeln, die wiederum verschieden lang im Holzfass reifen, entstehen die drei genannten Weine.

In Deutschland trinkt man Wein gern solo, in Spanien gehört eigentlich immer Essen dazu. Welche Speisen empfehlen Sie beispielsweise zum Crianza?

Juan Luís Cañas: Das typische Gericht dieser Region, das zum Crianza ganz wunderbar passt, ist Bacalao al pil pil (pikant zubereiteter Stockfisch, Anm. d. Red.). Wenn Sie aber an die deutsche Küche denken, würde ich tatsächlich empfehlen, den Crianza mal zu Schweinshaxe und Sauerkraut zu probieren.

Crianza 2016
Luis Cañas
Crianza 2016

Tim Atkins meint, dass der Reserva Selección de la Familia 2014 in diesem Jahr allmählich ins optimale Trinkfenster kommt. Wie wichtig ist die lange Reife in Fass und Flasche für solche Spitzenweine?

Juan Luís Cañas: Den Reserva Selección de la Familia kann man sowohl als jungen Wein genießen, aber er besitzt auch eine gute Lagerfähigkeit. Der Cabernet Sauvignon gibt ihm Struktur und zusätzlich Reifezeit sorgt dafür, dass er runder und charmanter wird. Also kann man die Aussage von Tim Atkins nur unterstreichen.

Reserva Selección de la Familia 2014
Luis Cañas
Reserva Selección de la Familia 2014

An hohe Punkte von Kritikern – Tim Atkins, Antonio Galloni‘s Vinous, Jeb Dunnuck, Robert Parker‘s Wine Advocate – sowie Goldmedaillen und Master-Titel haben Sie sich sicherlich schon gewöhnt. Nun sind Sie auch noch „Winzer des Monats“ bei Weinfreunde geworden. Was geben Sie uns deutschen Rioja-Fans mit auf den Weg?

Juan Luís Cañas: Anstatt groß zu empfehlen, was man trinken und wissen muss, um die Rioja Álavesa kennenzulernen, möchte ich anregen, dass sie einfach unsere Region besuchen. Die Leute denken immer an Toskana, Bordeaux und Burgund, wenn es um Wein-Tourismus geht. Aber ich bin mir sicher, dass sie erstaunt wären, angesichts der Schönheit der Landschaft und der vielen so unterschiedlichen und ursprünglichen Weingärten. Und unsere Gastfreundschaft wird sie ebenfalls begeistern.

1
Wie hat Ihnen der Artikel gefallen?
4,67 Sterne | 6 Bewertungen