Alkoholfreie Weine: Bereit für Neuentdeckungen?

Alkoholfreier Wein wird immer gefragter, verspricht er doch Weingenuss ohne Reue. Wie das überhaupt funktioniert, und warum man den Wein ohne Umdrehung unbedingt probieren sollte, erklärt uns Weinfreundin Theresa Weber.

Die Lust auf Wein mag grenzenlos sein und die Leidenschaft für Wein kein Ende nehmen, beim Trinken sollte es aber stets gemäßigt zugehen. Denn zum Wein gehört auch der Alkohol, der anfänglich belebend und anregend wirkt, aber nach einem gewissen Maß viel Pein nach sich ziehen kann. Man muss folglich kein hochprozentiger Gesundheitsapostel sein, um einzusehen, dass zu viel Alkohol nicht gut ist. Lust hin, Leidenschaft her.

Da liegt der Gedanke nahe, es mit einem Wein zu versuchen, der erst gar keinen Alkohol enthält. Da bliebe im Idealfall das Geschmackserlebnis erhalten, aber der berauschende Wirkstoff vor der Tür. Für viele immer noch unvorstellbar, doch der Blick in die Bierwelt beweist, dass sich eine alkoholfreie Variante von Wein durchaus zu einer eigenen „Weinsorte“ entwickeln könnte. Die ersten Anzeichen dafür, sind längst schon auszumachen.

Alkoholfreie Weine: Eine alternative zum verkaterten Morgen

Wer kennt es nicht: Kopfschmerzen am Morgen nach dem schönen Abend mit Freunden. Eine Alternative hierfür bietet alkoholfreier Wein.

Alkoholfrei liegt im Trend

Der Trend zu alkoholreduzierten Weinen und zu den alkoholfreien Varianten von Wein, Schaumwein und sogar Spirituosen hat sich mittlerweile Bahn gebrochen. Was man zuvor nur vom alkoholfreien Bier kannte, gilt mittlerweile für ganz viele Kategorien. Prominentes Beispiel sind namhafte Gin-Hersteller wie die Rheinland Destillers oder die Windspiel Manufaktur, die längst auch alkoholfreie Destillate wie den Siegfried Wonderleaf alkoholfrei oder den Windspiel alkoholfrei als Alternative zu ihren klassischen Gin-Qualitäten anbieten. Aber auch alkoholfreie Varianten von Rum, Wermut oder Bitter sind mittlerweile im Angebot.

Und genau wie beim alkoholfreien Wein oder Schaumwein gibt es ebenso bei den alkoholfreien Destillaten ein Problem bei der Bezeichnung der Getränke. Rein rechtlich betrachtet, gibt es nämlich gar keine alkoholfreien Spirituosen und damit auch keinen alkoholfreien Gin oder alkoholfreien Rum. Diese Spirituosenkategorien sind der Definition nach mit einem hohen Prozentsatz an Alkohol ausgestattet. Im Umkehrschluss bedeutet dies: wenn kein Alkohol, dann auch kein Gin. Das macht es nicht einfacher für Hersteller und Verbraucher, sich mit den Neuen ohne Umdrehungen anzufreunden, aber so will es das Gesetz.

Kein Alkohol im Wein: Wie kann das sein?

Eher dogmatisch aufgelegte Weinfreunde mögen nun einwenden, dass Wein doch auch per se Alkohol enthalte. Ohne die alkoholische Gärung wird aus einem Traubensaft eben kein Wein. Stimmt – diese Weinfreunde haben uneingeschränkt recht. Doch es kommt eben auf den Zusatz an, der den Wein begleitet. Sprich: man muss auf die Ergänzung „alkoholfrei“ oder „ohne Alkohol“ achten. Nur Erzeugnisse, die den Zusatz „ohne Alkohol“ besitzen, weisen tatsächlich 0,0 Prozent Alkohol auf. Die Bezeichnung „alkoholfrei“ lässt hingegen einen Alkoholgehalt von maximal 0,5 Prozent explizit zu. Kennt man eigentlich vom alkoholfreien Bier – muss aber noch einmal hervorgehoben werden. Hier in unserem Frag die Weinfreunde Beitrag genauer nachzulesen: Hat alkoholfreier Wein wirklich 0 % Alkohol?

Auch alkoholfreie Weine bieten Vielfalt! Weiß, Rot, Rosé sowie Schaumwein sind hier verfügbar.

Auch die alkoholfreien Varianten gibt es in vielen verschieden Farben und Sorten.

Doch auch jenseits der Verwirrung um Begriffe und Prozentsätze, gibt es bei der Erzeugung von alkoholfreien Weinen eine große Herausforderung. Alkohol ist nämlich auch ein Aromen- und Geschmacksträger. So macht er adstringierende Tannine etwas weicher, nimmt der Säure ihre fiesen Spitzen, verleiht dem Wein mehr Fülle im Mund und nicht zuletzt sorgt er dafür, dass Weine länger haltbar sind. Wer einen alkoholfreien Wein anbieten will, muss also nicht nur den reinen Wirkstoff entziehen, sondern er muss auch einen Weg finden, die zu schmeckenden Funktionen des Alkohols zu ersetzen. Es geht also nicht nur um Technik, sondern vor allem auch um Sensorik. Alkoholfreier Wein soll ja wie Wein schmecken.

Tatsächlich vergärt: alkoholfreie Weine

Die Erzeugung von alkoholfreiem Wein läuft am Anfang genauso ab wie bei der herkömmlichen Weinherstellung. Gleich, ob alkoholfreier Rotwein, Weißwein oder Rosé – der Most wird ganz normal vergärt und damit der Zucker in den Trauben in Alkohol umgewandelt. Doch anstatt dann in das Stadium der Reife zu treten, folgt nun bei den alkoholfreien Weinen das Verfahren zur Entalkoholisierung. Dadurch gelingt es, Aromen, die bei der Fermentation entstehen und die im einfachen Most nicht vorhanden sind, in den alkoholfreien Wein einzubinden.

Die Spirituosen-Alternativen machen es im Übrigen genauso. Zuerst destillieren sie eine echte Spirituose, der sie im Folgeschritt dann die Promille wieder entziehen. Und auch alkoholfreier Schaumwein oder alkoholfreies Bier folgen dieser Reihenfolge. Einfach ausgedrückt, die Basis für einen alkoholfreien Wein ist schon ein richtiger Wein mit natürlich erzeugtem Alkohol.

Alkoholfreier Rotwein vs. Weißwein vs. Schaumwein

Betrachtet man die ganze Angelegenheit etwas feinfühliger, taucht alsbald die Frage auf, ob es Unterschiede zwischen alkoholfreien Rotweinen und alkoholfreien Weißweinen gibt. Im Prinzip nicht, doch Tannine binden sich mit der Reife im Holzfass und unter dem Alkoholeinfluss harmonischer in einen Rotwein ein. Und generell sind die Aromen der alkoholischen Gärung für Rotweine maßgeblicher als für Weißweine. Bei diesen spielen meist die Aromen der Rebsorte die Hauptrolle. So ist der Kniff der Winzer zu verstehen, bei Weißweinen gern auf die sogenannten Bukett-Rebsorten wie beispielsweise Muskateller oder Sauvignon Blanc zurückzugreifen.

Weingläser

Mittlerweile gibt es eine große Auswahl an alkoholfreien Weinen und alkoholfreiem Prickelnden.

Die Aromen bewahren, den Alkohol verabschieden, so lautet die Aufgabe. Vom alkoholfreien Bier kann man lernen, dass beim Schmecken der Aromen ein wenig Kohlensäure hilft. Sie ist gewissermaßen ein natürlicher Geschmacksverstärker, was sich insbesondere Schaumweine und Fruchtschaumweine wie ein „Prisecco“ ohne Prozente zunutze machen. Ihr Prickeln hilft uns, die Aromen deutlicher wahrzunehmen. Und tatsächlich haben die alkoholfreien Schaumweine den Stillweinen in der Gunst des Publikums noch einiges voraus.

Herstellung von alkoholfreien Weinen

Der Alkohol muss raus, dagegen sollen die Geschmacksstoffe erhalten bleiben. Verschiedene technische Verfahren haben sich dieser nicht ganz einfachen Aufgabe gewidmet. Durchgesetzt hat sich dabei die sogenannte Vakuumdestillation. Bei dieser Methode nutzt man die simple Erkenntnis, dass Alkohol bei einer geringeren Temperatur verdampft als Wasser – sprich der Restwein. Sorgt man zudem für ein Vakuum, fällt die benötigte Temperatur zum Trennen des Alkohols auf rund 35 Grad Celsius, was auch den sensiblen Aromastoffen entgegenkommt. Ein zweiter Verfahrensschritt entzieht dem separierten Alkohol die mitgefangenen Geschmacksstoffe, um sie anschließend dem entalkoholisierten Wein wieder hinzuzufügen. Klingt simpel, ist aber mit viel Aufwand und Expertise verbunden.

Weine ohne Umdrehungen: nüchterne Empfehlungen

Soweit die graue Theorie, doch zum Glück können wir direkt den weißen, roséfarbenen, roten und sogar prickelnd schäumenden Praxistest anschließen. In unserem Shop haben wir eine ganze Reihe von alkoholfreien Weinen im Sortiment. Und ich kann nur empfehlen, es einmal mit dem „Stoff“ ohne Alkohol zu probieren – ganz gleich, ob man ihn nun Wein nennen möchte oder nicht. Bei meinen Empfehlungen verlasse ich mich dabei unter anderem auf Miguel A. Torres. Denn von den Weingütern der renommierten spanischen Weindynastie stammen die Natureo-Weine, die in Skandinavien bereits große Erfolge feiern und mittlerweile auch bei uns angekommen sind.

Natureo: alkoholfreie Weine von Torres

Der rote Natureo ist ein 100-prozentiger Syrah mit nahezu 0 Prozent Alkohol. Zwar ist er deutlich zurückhaltender in der Nase und auch die Mundfülle fällt geringer aus, aber der Syrah bleibt klar erkennbar. Im uneigennützigen Selbstversuch hat sich der rote Natureo an einem warmen Sommerabend – leicht gekühlt – sehr bewährt. Noch besser gefallen haben mir der weiße Natureo Free Musact – 100 Prozent Muskateller – und der Natureo Free Rosé – Cuvée aus Syrah und Cabernet Sauvignon – von Natureo. Dass bei diesen Weinen das Tannin weniger wichtig ist, kommt allen Natureo-Weinen sehr zugute. Sie sind frisch und mit guter Säure ausgestattet und insbesondere der weiße Natureo ist sehr fruchtbetont. Eine klare Sommer-Empfehlung!

Natureo Free Tinto Syrah alkoholfrei
Syrah mit Noten von Himbeeren und Quittengelee
Miguel Torres
Natureo Free Tinto Syrah alkoholfrei
Natureo Free Rosado Syrah Cabernet Sauvignon alkoholfrei
Saftiger und fruchtiger Rosé
Miguel Torres
Natureo Free Rosado Syrah Cabernet Sauvignon alkoholfrei
Natureo Free Blanco Muscat alkoholfrei
Sanfter, frischer und fruchtiger Muskat
Miguel Torres
Natureo Free Blanco Muscat alkoholfrei

Prickelnd anders: Ein „Prisecco“ aus Fruchtsaft

Last but not least gönnen wir uns noch einen Schaumwein ohne Alkohol, den Prisecco Weißduftig. Jedoch ist dieser Schaumwein nicht aus Wein gemacht, sondern aus Fruchtsäften. Dafür verwendet die Manufaktur Geiger Äpfel und Birnen von Streuobstwiesen. Die Fruchtsaft-Cuvée wird mit Kräutern aromatisiert und anschließend Kohlensäure zugesetzt. Der Prisecco Weißduftig hat folglich nie Alkohol enthalten und darf deshalb umso mehr ohne Reue getrunken werden. Er versucht gar nicht wie ein klassischer Sekt daherzukommen, sondern schlägt mit seinen Frucht- und Kräuteraromen einen ganz eigenen Weg ein. Passt wunderbar in diesen Sommer voller Höchsttemperaturen.

Für uns war das Verkosten der alkoholfreien Weine eine spannende, lehrreiche und vor allem wohlschmeckende Begegnung. Daher interessiert uns weniger, ob man diese Getränke tatsächlich noch Wein nennen kann – Gruß an die Dogmatiker – sondern ob sie in ihrer eigenen Art überzeugen und eben nicht nur deshalb gefallen, weil sie der Gesundheit so entgegenkommen. Und das haben diese Neuentdeckungen tatsächlich getan.

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