Der erste Rausch des Menschen oder: Die Geschichte des Weins


Lange vor Bordeaux und Bourgogne, vor Riesling und Rioja, lange vor den spätrömischen Gelagen und den dionysischen Exzessen, lange vor dem Durst der Hethiter, der Ägypter und Kanaaniter, lange vor alledem, also in der Vorzeit, als die Zivilisation noch keine war, und im Ur-Dschungel der Welt sich alle Vierbeiner von Früchten ernährten, da erlebte der erste aufrecht-laufende Affenmensch womöglich seinen ersten Rausch.

Angelockt durch den lieblichen Duft von reifen, fast schon gärenden Früchten hatten die ersten Affenmenschen diese leckeren und saftreichen Beeren in Körben eingesammelt. Das Eigengewicht zerdrückte die Früchte, der Saft trat aus, sammelte sich im unteren Bereich und begann zu fermentieren. Als die Affenmenschen schließlich davon tranken und sich daran freuten, hatte sie eine der vielleicht folgenreichsten Entdeckungen der Menschheitsgeschichte gemacht: Alkohol.

Ursprung des Weins

Dem Ursprung des Weins widmet sich die Drunken-Monkey-Hypothese, wonach die ersten laufenden Menschenaffen ihren Rausch mit dem Genuss von fermentierten Früchten  genossen haben.

Wilder Früchte Cocktail

Die Drunken-Monkey-Hypothese, vom US-Forscher Robert Dudley formuliert, geht zudem davon aus, dass den ersten laufenden und saufenden Menschenaffen ihre verbesserte Ethanol-Verarbeitung zugute kam. Denn diese Menschenaffen konnten tatsächlich Ethanol abbauen – besser als ihre Vorfahren je im Stande waren. Und weil Trauben wohlmöglich nicht zu 100 % allein fermentiert wurden, sondern gemeinsam mit anderen Früchten, kann man dann noch nicht vom Wein sprechen. Sondern von einem verrücktmachenden, wilden Früchte-Cocktail.

Aber der schmeckte ordentlich. Prompt wurde dieser Mix dank der höheren Kalorienzufuhr und dank des stimulierenden Effekts gerne und regelmäßig konsumiert, auch weil es mit Wasser vermengt den Menschen eine saubere Flüssigkeitszufuhr ermöglichte. Diese Funktion übernahm später Wein und zwar praktisch bis zur Schaffung der modernen sanitären Wasserversorgung.

Ursprung des Weins

Ob der Ursprung des Weins in Georgien oder doch Armenien liegt, wo Noah mit seiner Arche am Berge Ararat strandete und ein paar Rebzeilen pflanzte, werden wir wohl nie mit 100 % Gewissheit bestimmen können. Nur eines ist sicher: Der Ursprung des ersten Weins muss irgendwo in der Region südlich des Kaukasus liegen.

Noah, der erste Weinbauer der Geschichte?

Als der Mensch sich schließlich niederließ und den Ackerbau entdeckte, schlug endgültig die Stunde des Weins – als Medikament, Rausch- und Lebensmittel, als religiöses Getränk und Totenbeigabe. Die ersten Nachweise für Wein aus den heute am meist verbreiteten Sorten der Vitis Vinifera fand man jüngst südlich der georgischen Hauptstadt Tiflis. Dort wurden nachweislich Tongefäße aus 6.000 bis 5.800 Jahre vor Christus gefunden, die Wein in ihrem Inneren lagerten.

Das kleine Land am Kaukasus reklamiert daher schon seit einiger Zeit, die Wiege für die weltweite Weinkultur zu sein. Doch das könnte auch auf das benachbarte Armenien zutreffen: Schließlich strandete laut dem Buche Genesis aus dem Alten Testament Noah und seine Arche am Berge Ararat. Von den Tücken und Härten der langen Fahrt nach der Sintflut gezeichnet, stieg Noah aus der Arche, pflanzte ein paar Rebzeilen – und feierte Erntedank mit einem schönen Rausch. Noahs Transformation zum ersten Weinbauer der Geschichte ist in dem religiösen Text also gut dokumentiert. Aber woher kommen die Reben, die Noah im Bauche der Arche mitschiffte?

Die heutige Forschung hat dazu eine feste Meinung: der bisherige Ursprung des ersten Weins muss irgendwo in Region südlich des Kaukasus liegen. Und aus diesem Gebiet stammend ging die bis zum heutigen Tag existente Weinrebe auf eine abenteuerliche, jahrtausend lange Reise.

Ursprung des Weins

  1. Archäologische Grabungen südlich von Tiflis, der georgischen Hauptstadt, deuten nach chemischen Analysen von Tonfässer-Scherben auf einen Wein-Fund hin – aus 5.800 bis 6.000 Jahren vor Christus. QVERI
  2. Die Region Transkaukasien gilt demnach als möglicher geographischer Herkunftsort für Wein. Auch in religiösen und mythologischen Texten, wie etwa der Bibel und dem Gilgamesch Epos, kommt der südliche Kaukasus als Ursprungsregion in Frage
  3. Das Schönste am Wein ist das Bier danach? In der Antike stehen frühe Bier-Getränke und Wein Seite an Seite. Beides enthält Alkohol, jedoch unterschiedlicher Herkunft. Gerstensaft wird von Menschen gemacht, Wein ist das Geschenk der Götter. In Mesopotamien wird daher Wein exklusiv zu religiösen Zwecken importiert und getrunken.
  4. Gut 3.500 v. Chr. erreicht die Weinkultur Kanaan (heutiges Libanon und Jordantal). In den kommenden Jahrtausenden verbreiten erst Kanaaniter und dann Phönizier aus dieser Region den Weinbau im Mittelmeerraum verbreiten. Sie sind die Flying-Winemaker der Bronze-Zeit, bzw. der Eisen-Zeit.Ursprung des Weins
  5. Das benachbarte Ägypten importiert Kanaan-Wein. Der Trunk ist vor allem für die Oberschicht bestimmt. Die Adligen verehren im Rausch die Gottheit Osiris, die Pharaonen genießen Wein auch im Jenseits – ihre Gräber sind mit gefüllten Amphoren ausgestattet. Die Ägypter gelten zudem als Erfinder der Amphore, die zum Aufbewahren und Transport von Wein genutzt wird. Von den Kanaanitern gucken sich die Ägypter die Kultivierung von Rebstöcken ab. Diese pflanzen sie im sandigen Schwemmland des Nils.
  6. Ca. 2900 vor Chr. Auf die Mittelmeerinsel Kreta kommen die ersten Schiffe mit Wein aus Kanaan an. Die lokale Oberschicht findet schnell Gefallen an dem flüssigen Mitbringsel, bald entsteht eine eigene lokale Weinbau-Kultur – mit Hilfe der Kanaaniter.
  7. Auf dem griechischen Festland finden sich aus der gleichen Zeit Beweise für Pithoi, also jenen 90 Liter großen Tonfässern, in deren Inneren Wein auf der Hefe fermentiert und gelagert wird. Die Weine werden nicht filtriert und zum besseren Geschmack mit Feigen, Harz oder Gewürzen angereichert. Die alten Griechen trinken gerne, sie treffen sich gerne zum Symposium, da wird viel debattiert und noch mehr angestoßen.
  8. 900 v. Chr. Mittlerweile bringen die Phönizier die Kultur ihrer Vorfahren aus Kanaan weiter westlich in die Mittelmeer-Region. Sie gründen Karthago im heutigen Tunesien und haben reichlich Amphoren im Gepäck. Später wird hier der Landwirtschafts-Experte Mago Regeln und Gebote des Weinbaus als einer der ersten schriftlich festhalten. (Papyrusrolle)
  9. 800 v. Chr. Die Etrusker, die Vorfahren der Römer, erhalten önologische Nachhilfe von den Phöniziern, vermutlich noch vor den Griechen. Ein Indiz: Form und Deko auf Amphoren und Metallen ist eindeutig orientalisch – also phönizisch – beeinflusst. Prompt entsteht eine lokale Weinbau-Kultur.
  10. 625 – 600 v. Chr. Die Etrusker geben das Erlernte weiter. Die ersten Reben werden in Schiffbäuchen nach Lattes bei Montpellier gebracht. Knapp 100 Jahre später initiieren die Gallier eine lokale Weinproduktion, mit etruskischen Techniken. Erst die Römer bringen viel später Reb- und Weinkultur ins Rhône- und Rhein-Tal.

Alte Traditionen, die wir heute noch pflegen

  • In Georgien sind Amphoren nach wie vor in – die Tongefäße wurden in der Region bereits vor knapp 6.000 v. Chr. zum Weinmachen verwendet.
  • Wein aus getrockneten Trauben – die Technik dazu wurde bereits im 800 v. Chr. zum ersten Mal vom griechischen Historiker Hesiod schriftlich festgehalten
  • Die heute dominierenden Traubensorten der Vitis Vinifera-Gruppe (Pinot Noir, Shiraz, etc.) stammen aus Transkaukasien. In der Neuzeit wurden diese weiterverbreitet: die Spanier brachten sie nach Lateinamerika, die Holländer nach Südafrika und die Briten nach Australien und Neuseeland.
  • Weinhandel war und ist für die Verbreitung von Wein-Stilen ausschlaggebend. Martin Luther etwa liebte einen Süßwein, der über Venedig aus Kreta importiert wurde – den Malvasier. Heute ist Sauvignon Blanc aus Neuseeland ein absoluter Renner.
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