Jahrgang 2021: Weinlese hat begonnen

Im Herbst wird mit der Weinlese eine erste Bilanz gezogen. Welche Qualität und welche Menge in den Keller kommen, hat Sven für uns recherchiert und dafür Winzer in Deutschland, Frankreich und Spanien befragt.

Die Saison im Weinberg neigt sich ihrem Ende entgegen. Im September ist die Weinlese in allen deutschen Anbaugebieten angelaufen. Gleichzeitig hoffen die Winzer noch auf ein paar warme und insbesondere trockene Tage für die spät reifenden Rebsorten. Das würde helfen, denn insgesamt ist das Weinjahr durchwachsen ausgefallen.

Später Frost und viel Niederschlag in Deutschland

Ein kühler, nasser Frühling drosselte zunächst das Wachstum der Reben. Dann richteten Spätfrost-Nächte vor allem in den Weinregionen Baden und in Württemberg große Schäden an. So beklagen etwa die Winzer aus der badischen Ortenau Ertragseinbußen von bis zu 40 Prozent.  Das Weinjahr in Deutschland ist insgesamt sehr feucht geraten. Zweckoptimistisch formulieren einige Winzer, dass der viele Regen nach den beiden vorangegangenen, ausgesprochen trockenen Jahren dringend nötig gewesen sei, um die Wasservorräte im Boden wieder aufzufüllen. Anderseits erhöhte die Feuchtigkeit den sogenannten Pilzdruck und tatsächlich gab es in allen Anbaugebieten in Deutschland Probleme mit dem Falschen Mehltau. Eine große Herausforderung, insbesondere für Bio-Winzer.

Katastrophe an der Ahr

Massiv getroffen hat es die Winzer an der Ahr. Das Hochwasser im Juli 2021 hat auf zehn Prozent der Rebflächen mitunter große Schäden angerichtet. Hinzu kommt für viele Winzer die Zerstörung ihrer Gebäude und Keller, der Geräte und Maschinen. Doch große solidarische Hilfe leisteten Winzer aus anderen Anbaugebieten sowie viele Freiwillige für die Kollegen an der Ahr. Sie stellen Geräte zur Verfügung, waren selbst vor Ort um im Weinberg zu helfen. Denn für sie ist es existenziell entscheidend, die Trauben lesen und neuen Wein herstellen zu können. Oft ist mit dem Hochwasser nämlich der komplette Weinvorrat verloren gegangen.

Georg Fogt aus Rheinhessen

Dagegen sind die Winzer und Weinbauern in Rheinhessen von problematischen Wetterkapriolen verschont geblieben, wie Georg Fogt aus Badenheim dem Weinfreunde Magazin verraten hat. Aber auch er stellt fest:

„Die größten Unterschiede zu 2020 sind der kühle Sommer und der hohe Niederschlag. Zwar hätten wir uns etwas weniger Regen gewünscht, sind aber trotzdem froh, dass es nicht umgekehrt ist.“

Fogt

Winzer Georg Fogt

Kurz vor der Lese zeigt er sich jedoch optimistisch.

„Die Trauben sind gesund und die Nächte kühl, wenn es keine großen Niederschläge gibt, können wir tolle, aromatische und vor allem vollreife Trauben ernten, weil das optimale Mostgewicht dieses Jahr zeitgleich mit einer optimalen Traubenreife erreicht wird. Das ging in den vergangenen Jahren zulasten der Traubenreife. Hohes Mostgewicht bedeutet nicht automatisch, dass die Trauben auch gut ausgereift sind.“

Zynisch gedacht sind es also Wetterverhältnisse, die früher als normal galten. Das bestätigt auch das Deutsche Weininstitut (DWI). In diesem Jahr, so die Experten, liege die Reife-Entwicklung der Trauben etwa zwei Wochen hinter dem zehnjährigen Mittel. Anders ausgedrückt: 2021 war ein Ausflug zurück in die 1980er-Jahre.

Schneesturm und Hagel in Spanien

Im Januar sorgte Schneesturm „Filomena“ in Kastilien mitsamt der spanischen Hauptstadt Madrid für gehöriges Chaos. Große Schäden richteten die Schneemassen auch in den Weinbergen in Zentralspanien an. Einige Anbaugebiete bekamen es zudem im ansonsten sehr trockenen Sommer mit Hagelstürmen zu tun, die Blätter und Trauben zerstörten. Offizielle Stellen erwarten eine etwas geringere Erntemenge als im Vorjahr, stellen dafür aber eine gute Qualität des Traubenmaterials in Aussicht.

Bodegas Raices Ibericas

Die Weinberge der Bodegas Raices Ibericas

Besorgt nachgefragt hat das Weinfreunde-Magazin bei Carlos Rubén, Chef-Önologen der Bodegas Raíces Ibéricas. Er ist vor allem mit den Anbaugebieten Calatayud und Utiel-Requena im Osten Spaniens vertraut. Kurz vor der Lese gibt sich auch Carlos Rubén hoffnungsvoll.

„In diesem Jahr kommt die Weinlese zu einem normalen Zeitpunkt und nicht so früh wie beim 2020er Jahrgang. Das ist von Vorteil, weil die Reife langsamer erfolgt, nicht wie im vergangenen Jahr, das eine schnellere Reife mit sich brachte. Hoffen wir nur, dass wir die Trauben noch vor dem ersten Herbstregen im Weingut haben.“

Daher erwarte er eine „fantastische Qualität der Trauben, mit guter Farbe für die Rotweine, mit Eleganz und vor allem Finesse und Konzentration“.

Großes Malheur: das Weinjahr in Frankreich

Bereits das Frühjahr verhieß für die französischen Appellationen nichts Gutes. Die meisten Anbaugebiete hatten mehr oder weniger mit Nachtfrösten zu kämpfen. Selbst im südlich gelegen Languedoc gab es beträchtliche Frostschäden in den Weinbergen. Die Witterung war insbesondere für die früh blühenden Sorten wie Merlot oder Chardonnay ein Problem. Wie in Deutschland zeichnete sich auch der französischen Sommer durch viel Regen und eher kühle Temperaturen aus. In der Folge hatten die Winzer und Weinbauern mit Pilzkrankheiten wie dem schon genannten Falschen Mehltau zu kämpfen. In Frankreich werden daher starke Einbrüche bei der Erntemenge erwartet.

Domaine Moulin Saint-Jean

Winzer Frédéric Bousquet

Den großen Schaden durch den Frost bestätigt auch Frédéric Bousquet von der Domaine Moulin Saint-Jean.

„Anfang April gab es in den Weinbergen einen Frühlingsfrost, der schlimmer als der letzte von 1991 war. Dabei bleibt die Region Languedoc im Allgemeinen von Frösten verschont. Aber im Jahr 2021 war es genau das Gegenteil, wir können sogar von etwas noch nie gesehenem sprechen.“

Dennoch ist Frédéric Bousquet von der Qualität des Jahrgangs sehr überzeugt.

„Die Gesundheit der Trauben ist ausgezeichnet, Krankheiten wie Mehltau blieben uns erspart. Die ersten Moste zeigen bereits optimales Aromapotential. Die Rotweine versprechen in diesem Jahr dank einer langen Reifezeit besonders ausgewogen zu sein. Wir haben nämlich den ganzen Sommer über kühlere Nächte genossen.“

Italien zwischen zu viel Regen und zu viel Hitze

Der italienische Stiefel hat ein nicht minder turbulentes Weinjahr hinter sich, das von extremen Wetterereignissen markiert ist. Die Winzer in Norditalien suchten immer wieder starke Regenfälle mit Überschwemmungen heim. Das Plus an Feuchtigkeit verursachte auch ein erhöhtes Pilzrisiko. Dagegen ächzte der südliche Teil des Landes im Sommer unter einer anhaltenden Hitzewelle mit historischen Höchsttemperaturen. Dort begann die Erntesaison noch einmal zwei Wochen früher als im vergangenen Jahr. Bei den Erträgen rechnen erste Schätzungen mit einem deutlichen Rückgang, bei ansehnlicher Qualität des Leseguts.

Jetzt sind nicht nur in Italien, sondern all überall die Kellermeister gefragt, und im nächsten Frühjahr kommen bereits die ersten weißen Kostproben ins Glas. Dann wird sich zeigen, was vom Jahrgang 2021 zu halten ist. Es bleibt das Beste zu hoffen.

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