Primitivo & Zinfandel: Wo liegt der Unterschied?


Primitivo-Weine aus dem italienischen Apulien liegen derzeit voll im Trend. Sie stehen für intensive Fruchtaromen, einen vollen Körper und einen schönen, leicht süßlichen Schmelz am Gaumen. Was die wenigsten wissen: Primitivo ist in Kalifornien als Zinfandel bekannt und erarbeitete sich hier ebenfalls einen guten Ruf. Unser Weinfreund Daniel Münster hat sich der vermeintlichen Wesensgleichheit angenommen.

Der eine kommt aus Italien, der andere ist ein typischer Kalifornier. Der eine hat eine Geschichte, die tausende Jahre zurückreicht, der andere ist erst seit 200 Jahren bekannt. Ein DNA-Test sagt, es handele sich bei beiden um ein und dasselbe. Ein anderer Test stellt lediglich eine Verwandtschaft der zwei Rebsorten fest. Was denn nun? Die Antworten sind so unterschiedlich wie die Weine selbst. Aber eines steht fest: Sowohl Primitivo als auch Zinfandel lassen unglaublich gute Weine entstehen.

Primitivo und Zinfandel: Dasselbe oder das Gleiche?

Aber nochmals zurück zur Ausgangsfrage. Ob Zinfandel und Primitivo tatsächlich identisch sind lässt sich schwer beantworten, denn es hängt ein wenig davon ab, wen man danach fragt. Absolut klar scheint aber zu sein, dass beide Rebsorten von der seltenen, kroatischen Rebsorte „Crljenak“ abstammen. Zinfandel soll zu dieser sogar absolut identisch sein. Primitivo ist vielmehr ein Klon der Rebsorte, also eine sehr ähnliche Kopie. Interessant ist: Wenn man beide Reben nebeneinander pflanzt entstehen Trauben, die sich in Bezug auf Größe und Farbe deutlich unterscheiden. Also doch ganz eigene Rebsorten? Anscheinend nicht, denn es entstehen daraus extrem ähnliche Weine, die auch offiziell entweder Primitivo oder Zinfandel genannt werden dürfen. Doch um die Weine und ihre Gemeinsamkeiten verstehen zu können, muss man sich zunächst mit den Rebsorten separat befassen.

Primitivo

Heute ist Primitivo vor allem sehr erfolgreich, wenn er aus seiner ursprünglichen Heimat Apulien stammt.

Primitivo: Nicht primitiv, sondern früh reifend

Primitivo reicht zurück bis zu den antiken Phöniziern, die im heutigen Apulien siedelten. Hier – im Stiefelabsatz Italiens – entstand aus Primitivo, der Legende nach, sogar der Wein für das letzte Abendmahl. Auch wird teils behauptet der Name käme davon, dass die Rebsorte „primi“ sei, also „die erste“ im Sinne von „die beste“. Vielmehr ist mittlerweile aber klar, dass der Name auf den frühen Reifezeitpunkt der Trauben im Vergleich zu anderen Rebsorten zurückgeht.

Primitivo ist heute vor allem sehr erfolgreich, wenn er aus seiner ursprünglichen Heimat Apulien stammt. Nicht nur in Bezug auf Qualität, sondern auch hinsichtlich der Erntemenge. Kaum zu glauben, aber wahr: In der kleinen Region Apulien wird mehr Wein produziert als in ganz Australien. So wundert es nicht, dass hier auch Massenware mit wenig Qualitätsanspruch entsteht, doch überzeugen mittlerweile viele leidenschaftliche Winzer mit hervorragenden Weinen, die imstande sind, die Rebsorte Primitivo aufs Positivste zu portraitieren. Durch moderne Kellertechnik, geringe Erntemengen und einem behutsamen Umgang mit den Weinbergen stammen aus Apulien heute einige der besten Weine Süditaliens.

In den Weinen spürt man die Sonne der Region, denn sie kommen meist sehr konzentriert und reichhaltig daher. Durch ihr schönes Fruchtaroma und ihre gute Struktur sind gute Exemplare eines Primitivo unter Weinfreunden äußerst beliebt. Nicht zuletzt, da die Weine in punkto Preis-Genuss-Verhältnis ganz neue Maßstäbe setzen.

Im Weinfreunde-Shop finden Sie einige ausgewählte Beispiele dieser Rebsorte: Doppio Passo Primitivo Salento 2016

Über das Produktionsverfahren des „Doppio Passo“ existiert im Übrigen ein gesonderter Artikel: Was bedeutet eigentlich Doppio Passo?

Kalifornien

Um 1820 kam Zinfandel aus Österreich in die USA und aufgrund ihres hohen Ertrags erfreute sich die Rebsorte bei den Winzern schnell großer Beliebtheit.

Zinfandel: ein kalifornisches Kraftpaket

Die Bezeichnung Zinfandel dürfte den meisten Weinfreunden bekannt sein. Allerdings ist diese Rebsorte nicht nur positiv besetzt. In den 1980er-Jahren schwappte ein Trend aus den USA zu uns herüber, der als „White Zinfandel“ in Flaschen gefüllt wurde und letztlich nicht sonderlich imagefördernd wirkte. Dieser vermeintlich weiße Zinfandel war in Wahrheit ein Rosé (!) und meist eine restüße, recht ausdruckslose Angelegenheit, fabriziert für den Massenmarkt.

Aber zunächst noch etwas zur Entstehungsgeschichte: Erst 1820 wurde Zinfandel aus Österreich in die USA gebracht und aufgrund des hohen Ertrags wurde die Rebsorte unter Winzern schnell beliebt. Während des Goldrauschs im späten 19. Jahrhundert erfreuten sich Bergmänner und Einwanderer an Zinfandel, da er sie an die Weine ihrer Heimat erinnerte. Die Prohibition verlangsamte dann den Weinbau in Kalifornien insgesamt. Noch in den 1950er-Jahren waren Zinfandel-Weine auf Masse und nicht auf Klasse getrimmt.

Erst nach dem Abklingen der „Nachwehen“ des White Zinfandel begannen einige Produzenten in den 1990er-Jahren wirklich ernsthafte Weine aus der Rebsorte zu produzieren. Die besten Exemplare strotzen vor Aromen schwarzer Beeren und beeindrucken durch eine massive Kraft. Die enorme Reife der Beeren im sonnenverwöhnten Kalifornien lässt zwar Weine entstehen, die nicht selten 15 oder mehr Prozent Alkoholgehalt aufweisen, doch tritt dieser im Idealfall nicht störend in den Vordergrund, sondern wird durch die intensive Frucht bestens ins Gleichgewicht gebracht.

Zinfandel

In der Stilistik als auch im Geschmack bestehen viele Ähnlichkeiten zwischen Zinfandel und Primitivo. Diese zu entdecken, ist ein genussreiches Vergnügen.

Zinfandel und Primitivo: es lebe der Unterschied!

Sowohl in der Stilistik als auch im Geschmack bestehen viele Ähnlichkeiten bei den Weinen jenseits und diesseits des Atlantiks. Trotzdem würden Winzer in Italien, genauso wie Winemaker in Kalifornien, jederzeit ihren Primitivo oder ihren Zinfandel als den besseren bezeichnen.

Und auch wenn irgendwann abschließend geklärt sein wird, ob es sich tatsächlich um identische Rebsorten handelt oder nicht: Für Weinfreunde macht diese Betrachtung deutlich, dass nicht nur die Rebsorte einen Wein prägt, sondern auch der Boden, das Klima und nicht zuletzt der Mensch. Es bleibt also spannend. Ein direkter Vergleich beider Ausprägungen ist eine lehrreiche Erfahrung im Rahmen eines Weinabends mit Gleichgesinnten.

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