Der Weinpapst zelebriert nicht mehr: Robert Parker und die internationale Weinkritik

Ein Leser unseres Magazins fragte nach, ob Parker-Punkte eigentlich immer noch Punkte seien, die der Weinpapst selbst vergebe. Grund genug für Weinfreund Jürgen Overheid sich der ehrfürchtigen Materie anzunehmen.

Für die katholische Kirche wäre es ein Ding der Unmöglichkeit – die internationale Weingemeinde zeigt sich da deutlich gefasster: ein Leben ohne Papst! So in etwa ließe sich der Zustand beschreiben, in dem sich die Weinwelt seit dem Frühjahr 2017 befindet. Denn aus dem März jenes Jahres stammt der letzte Beitrag des als Weinpapst apostrophierten Robert Parker im Fachmagazin Wine Advocate. Seitdem gibt es keine eigenhändig vergebenen Punkte mehr, selbst wenn sie immer noch seinen Namen tragen. Schließlich geht nicht nur das Bewertungsschema mit den hundert Punkten auf den Amerikaner zurück. Auch die mit diesen Punkten vorangetriebene Stilistik der vollen, durchaus alkoholreichen Weine ist mit dem Namen Parker verbunden.

Zwar hatte Robert Parker Jr. bereits 2012 den Posten des Chefredakteurs aufgegeben, doch Beiträge und Bewertungen gab es weiterhin. Parker beschränkte sich dabei auf die Weinregionen Bordeaux – wo sein Ruhm als Weinkritiker seinen Anfang nahm – und das heimische Kalifornien. Später gab er sogar das geliebte Bordelais an den kaum weniger renommierten Kollegen Neal Martin ab. Ein vorletzter Schritt auf seinem Rückzug aus Rampenlicht und Kritikerprofession: Im März des vergangenen Jahres erschien nun sein letzter Artikel im Wine Advocate. Der Titel der letzten weinkritischen Worte liest sich fast ein wenig lakonisch: „A few more Napa Notes“.

Die Nachfolger: Perrotti-Brown, Martin, Galloni, Dunnuck & Co.

Für den Wine Advocate war die Nachfolge geregelt. Lisa Perrotti-Brown übernahm die Chefredaktion und mit Stephan Reinhardt wurde auch ein Deutscher verpflichtet, der sich vor allem um die Regionen Österreich und Deutschland kümmert. Neal Martin wiederum wurde als Senior Editor benannt, um die wichtigen Regionen Burgund und Bordeaux zu betreuen. Doch diese Regelung hielt nicht lange und Neal Martin verließ Ende 2017 den Wine Advocate, um beim nicht minder angesehenen Vinous anzuheuern. Das Fachmagazin, 2013 vom ehemaligen Wine Advocate-Redakteuer Antonio Galloni gegründet, konnte den Wechsel als klaren Punktsieg gegenüber der Konkurrenz verbuchen.

Der Weinpapst-Titel ist dagegen nach wie vor vakant. Doch das scheint die Szene kaum zu interessieren, schließlich ist mit Perrotti-Brown, Martin und Galloni eine neue erste Garde an die Stelle der großen Eminenz getreten – wenn auch auf die zwei Titel Vinous und Wine Advocate aufgeteilt. Zu nennen wäre zudem noch Jeb Dunnuck, der 2017 seine eigene Wein-Website startete, zuvor aber – es mag mittlerweile wenig überraschen – gleichfalls für Robert Parkers Wine Advocate geschrieben hat. Diese Aufzählung zeigt, worin das eigentliche Vermächtnis des Weinpapstes liegt: Seine Weinkritik hat Schule gemacht und die aktuellen Protagonisten maßgeblich geprägt. Sie setzen fort, was er begonnen hat, und entwickeln dabei Vielfalt und Qualität der internationalen Weinkritik weiter. Vielleicht ruft deshalb keiner nach einem neuen Weinpapst.

Keine Parker Punkte mehr

Parker-Punkte im eigentlichen Wortsinn wird es wohl nicht mehr geben. Aber im übertragenen Sinn allemal: Nicht nur vergibt der von Parker gegründete Wine Advocate weiterhin fleißig Punkte für die verkosteten Weine. Auch andere, vor allem amerikanische Weinpublikationen praktizieren sein Schema mit den 100 Punkten und setzen somit sein Bewertungsraster fort. Und noch eines haben sie alle Robert Parker zu verdanken: Ohne sein Wirken hätte die internationale Weinkritik nie diesen Aufschwung erfahren.

Mehr über die Biographie und Weinkritik Robert Parkers erfahren Sie in dem Porträt in unserem Magazin.

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