Bordeaux gut & anders: Château Réaut

Weinfreund Cédric Garraud fühlt sich rund um Bordeaux wie zuhause. Deshalb will er uns eine ungewöhnliche Neuentdeckung nicht vorenthalten. Das „alternative“ Château Réaut aus Cadillac.

Das Bordelais ist reich an großen Namen. In den Appellationen an Gironde, Garonne und Dordogne sind einige der berühmtesten und besten Weingüter der Welt zuhause. Nicht umsonst wurde hier die Idee geboren, dass zu einem guten Weingut ein ordentliches Château, ein richtig herrschaftliches Haus gehört – gerne auch mit adeliger Attitude. Die üblichen Verdächtigen wie Mouton-Rothschild und Lafite-Rotschild, Haut-Brion und Latour machen sehr deutlich, wie das Ideal des Bordelaiser Château aussieht. Das färbt bis auf die Etiketten ab, selbst wenn es nur eine besondere Toreinfahrt oder ein verlorener Turm auf weiter Flur ist. Natürlich noch besser mit einem schmückenden Wappen, das echte Noblesse signalisiert.

Carat de Château Réaut Côtes de Bordeaux 2015
Château Réaut
Carat de Château Réaut Côtes de Bordeaux 2015

Doch meistens fällt es eine deutliche Nummer kleiner aus, wenn von Château die Rede ist. Gar in den wenigsten Fällen verbindet sich mit dem Weingut auch gleich eine Familiengeschichte, die sich über mehrere Generationen erstreckt. Und das ist auch gut so, wie das Beispiel von Château Réaut erzählt: gleichfalls eine kleine Berühmtheit in Frankreich, aber eben eine der anderen Art.

Herrenlosen Herrenhaus an der Garonne

Das Château Réaut selbst hat schon Tradition und eine recht abwechslungsreiche Geschichte vorzuweisen. Jedoch rückt das Weingut Ende des 20. Jahrhunderts in wirtschaftliche Bedrängnis. Scheinbarer Retter in der Not – damals meist Investor genannt – ist das große Champagnerhaus Louis Roederer. Der neue Eigner hat große Pläne und lässt die 26 Hektar Rebfläche komplett neu bestocken: Merlot (70%), Cabernet Sauvignon (20%) und Cabernet Franc (5%). Der typische rote Dreiklang im Bordelais also.

Doch erstens kommt es anders und zweitens als das Champagnerhaus denkt: Im Jahr 2012 wechselt das Weingut erneut den Besitzer. Doch kein neuer Investor der üblichen Art steht ins Haus. Vielmehr schließt sich ein Freundeskreis rund um Yannick Evenou – ehemals Château Dominique – zusammen, um dem Weingut wieder neues Leben einzuhauchen. Freunde als Investoren? Nicht nur das. Die neuen Herren auf Château Réaut kommen nämlich sowohl aus der Region Bordeaux als auch aus dem Burgund, dem traditionellen Widersacher des Bordelais, wenn es um Platz 1 im internationalen Wein-Ranking geht. Für die Freunde kein Problem, sondern eine Inspiration. So finden sich im neuen Wappen nun die Symbole der Region Bordeaux und des Burgunds ganz einträchtig und ein wenig augenzwinkernd nebeneinander.

Sobald es um die Weine geht, hat der Spaß aber ein Ende. Hilfreich allerdings, dass ein großer Begriff aus der französischen Weinwelt eine ebenso große Gemeinsamkeit zwischen Bordeaux und Burgund stiftet: Grand Cru. Das „Große Gewächs“ ist geradezu der Inbegriff eines herausragenden Weines, und hat nicht zuletzt auch den deutschen VDP zu seiner Klassifizierung angeregt. Kurzum, jener Stil, den Château Réaut anstrebt, genau die Qualität der Weine, die man herstellen will, heißt eben Grand Cru.

Grand Cru-Philosophie der Vielen

Wenn im Fußball die Wahrheit auf dem Platz ist, so findet sie sich beim Wein in den Weinbergen und im Keller. Genau dort ist zu beobachten, wie Château Réaut sich auf den Grand Cru-Weg macht und mit welcher Entschlossenheit man dieses Ziel verfolgt. Das braucht ganz konkrete Maßnahmen: zum Beispiel hohe Pflanzdichte der Rebstöcke, um durch die Nährstoff-Konkurrenz Spitzenleistung heraus zu kitzeln. Dazu kommen schonende Bodenbearbeitung, Sorgfalt bei der Laubarbeit – Sonnenschutz, Belüftung – selbstverständlich grüne Ernte und die Lese in Handarbeit. Ebenso ungewöhnlich – und wirklich nicht einfach umzusetzen – ist die aktuell laufende Bio-Zertifizierung des Weinguts.

Chateau Reaut Ernte

Château Réaut bei der Ernte

Mit der rigorosen Selektion der Trauben hat der Grand Cru-Weg jedoch noch nicht sein Ende gefunden. Im Keller geht es weiter. So verwendet man auf Château Réaut eine besondere Art von Fässern für den Ausbau des Weines. Das speziell entwickelte Fass öffnet sich nach oben gleich einem Trichter. Dadurch erhält der Most mehr Sauerstoffkontakt, was zu einer sanfteren Extraktion führt. Langsame Gärung – rund 30 Tage – in Temperatur kontrollierten Fässern und sorgsame Reife im Barrique zählen ebenso dazu. Je nach Qualität des Weines dauert die Holzreife zwischen 16 und 24 Monaten. Alle Weine, die das Château verlassen, kommen frühestens nach zwei Jahren auf die Flasche.

Keller Chateau Reaut

Ein Teil des Weinkellers von Château Réaut

Für das önologische Handwerk kann Château Réaut auf einen ganz besonderen Freund zählen, nämlich den international bekannten Weinmacher Michel Rolland. Der Önologe hat nicht nur im Bordeaux Spuren hinterlassen und quasi eine eigene Stilistik ausgeprägt, der gern eine große Nähe zu den Weinidealen eines Robert Parker unterstellt wird.

Konzert der Kritiker

Aber es ist nicht nur der Wine Advocate von Robert Parker, der die Weine von Château Réaut wohlwollend im Blick hat. Auch auf dem Kritiker-Radar von James Suckling, von Antonio Galloni (Vinous) oder vom Decanter flackern die Weine aus der Appellation Cadillac – Côtes de Bordeaux regelmäßig auf. Zunächst in Frankreich, dann zunehmend auch in anderen Ländern wird Château Réaut schnell von der unbekannten Größe zum Geheimtipp, der für überschaubares Geld besonders guten Bordeaux liefert. Denn dies ist ja die Kehrseite all der großen Namen und Châteaux: der mindestens ebenso große Preis.

Doch Château Réaut will nicht exklusiv sein, sondern einfach nur gut. Die Weine sollen nicht durch einen Rekordpreis geadelt werden, sondern durch das Erlebnis des Genießens. Es geht also um großes Weinvergnügen für viele. Sogar so sehr, dass immer mehr praktizierende Weinfreunde selbst zu Anteilseignern des Château Réaut werden. Ohne Adel und falsche Attitude sind es mittlerweile über 400 Menschen, die das Weingut zumindest teilweise ihr Eigen nennen dürfen.

Eine Frage des verfügbaren Kapitals? Nicht unbedingt! Denn um in den Genuss eines Weines vom „Château Alternativ au Bordeaux“ zu kommen, kann man erst einmal verkosten – und dann investieren.

Côtes de Bordeaux 2016
Château Réaut
Côtes de Bordeaux 2016
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