Villa Trasqua in Chianti

Ein zusammenhängendes, aber höchst unterschiedliches Terrain und der klare Fokus auf kräftigen Rotwein zeichnet die Villa Trasqua bei Castellina in Chianti aus.

In der Bar dell’orso, der Bärenbar, kann man an der Straße nach Villa Trasqua ein letztes Mal Station machen. Bären gibt es in dieser Gegend unseres Wissens zwar nicht, aber wundern würde es uns auch nicht. Einerseits fühlt man sich in der Gegend zwischen Florenz und Siena in einer Urzelle der abendländischen Kultur. Andererseits ist es hier auch ganz schön ländlich: Gerade abends steht der Wald still und schweigt und außer einem in der Ferne bellenden Hund hört man nicht viel. Als Tier steht eigentlich nicht der Bär, sondern das Wildschwein hier im Chianti im Mittelpunkt. Der ein oder andere Tourist kennt es vielleicht nur als Bronzefigur aus Florenz und hat ihm über die Schnauze gestrichen, was Glück bringen soll. Aber es gibt auch sehr viele echte „cinghiale“, wie es auf Italienisch heißt, in diesem Landstrich, und auch in der Bar dell’orso wird es natürlich serviert: Wildschweinragout auf Toast. Klingt eigentlich gar nicht so italienisch!

Villa Trasqua – Im Herzen der Toskana

Villa Trasqua

Alles gut im Blick: Wohnturm und Kellerei von Villa Trasqua.

Man muss die Abzweigung kennen, denn Alkoholwerbung direkt an der Landstraße ist verboten und ein Schild, das auf das Weingut hinweist, fiele unter dieses Verbot. Immerhin steht an der nächstkleineren Kreuzung, wo es auf einen Schotterweg abgeht, ein braunes Hinweisschild nach Località Trasqua – insofern praktisch, dass man die Kellerei einfach nach der Gemarkung benannt hat! Einen Bahnübergang, mehrere Serpentinen und unseren Rücken arg strapazierende Bremshügel weiter erreichen wir den höchsten Punkt des Hügels – und genau auf diesem liegt Villa Trasqua. In alter toskanischer Manier hat man das turmartige Haupthaus hierhin gesetzt, um alles gut im Auge behalten zu können. Von der Casa vecchia, dem ältesten Gebäude hier oben, ginge sogar ein Fluchttunnel raus ins Gelände, erzählt uns Alan Hulsbergen, der die Geschäfte von Trasqua leitet. Wer auf der Terrasse des Hauptgebäudes steht, denkt bei der atemberaubenden Aussicht allerdings nicht im Entferntesten an Flucht.

Geschützter Ursprung – seit 300 Jahren

Von Westen, woher wir gekommen sind, haben wir gerade die klar definierte Grenze ins Chianti-Classico-Gebiet überquert. Nur der Wein, der in diesem Gebiet gekeltert wird und etlichen Auflagen unterliegt, darf sich den berühmten schwarzen Hahn auf den Flaschenhals kleben. Gerade ist das Dekret des Florentiner Herrschers Cosimo von Medici 300 Jahre alt geworden, das die Grenzen des Chianti-Gebiets festgelegt hat und als eine der Gründungsakte der Geschützten Ursprungsbezeichnung gilt.

Was erstmal fasziniert, insbesondere wenn man deutsche, teilweise auf mehrere Ortschaften verteilte Kleinparzellen gewöhnt ist: Alle 56 Hektar sind vom Wohnturm neben der Kellerei einsehbar und zusammenhängend. Doch das heißt wiederum nicht, dass es sich dabei um eine homogene Anbaufläche handeln würde! Jede Lage hat ihre Besonderheiten: wie die Reben zur Sonne stehen, ob es windgeschützt ist oder weniger, welche Bodenbeschaffenheit vorliegt. Kellermeister Andrea Contarino zeigt uns ein Stück Land, das nach Osten zeigt. Man hat hier die Reben herausgerissen und lässt den Boden sich erholen, bevor neu bestockt wird. Die Farbe Braun herrscht insgesamt vor, aber manche Partien sind durch schwarze Einschlüsse geprägt, andere durch weiße: Auch Boden ist auf diesem Weingut nicht gleich Boden. Die Vielfalt ist ein Geschenk, aber sie erfordert auch eine genaue Kenntnis: Welche Besonderheiten hat die Lage Sotoleggio, für welche Rebsorte eignet sich Triangolo? Wo bekomme ich die Qualitäten für welchen Weintyp her, was reift wo früher oder später?

Obwohl Andrea das Terrain, in deren Mitte er selbst in einem alten Steinhaus lebt, bestens kennt, verzichtet er keineswegs auf Analysen. Mit dem Arbeitstier des Weinguts, einem japanischen Kleinwagen, der eigentlich für Innenstädte entworfen wurde, zuckelt er die Gras- und Feldwege entlang, bleibt hier stehen, schneidet ein paar Trauben ab, hält dort, packt ein paar dazu, dann wird ein anderer Karton beschriftet und mit dem Auto ein Stück weitergefahren. Als es an seinem Wohnhaus vorbeigeht, kommt seine kleine Tochter angesprungen. Die bambina wundert sich bestimmt, was ihr Papa da macht, lacht er, hier ein paar Trauben pflücken, dann fünfzig Meter weiter wieder zwei!

Zusammenarbeit mit Weinmacher Franco Bernabei

Im Keller: Kellermeister Andrea Contarino.

Im Keller: Kellermeister Andrea Contarino.

Als endlich alle Proben zusammen sind, geht es damit auf der kurvenreichen Landstraße nach Greve in Chianti, wo der angesehene Oenologe Franco Bernabei seinen Sitz hat. Natürlich ist hier um die Zeit der Lese viel los, aber da Andrea die Ergebnisse über Reifegrad und Säurestruktur der Trauben natürlich möglichst bald haben möchte, hilft er im Labor mit, die Proben auszupacken und den Saft daraus zu gewinnen, damit er zeitnah analysiert werden kann.

Das Weingut hat sich ganz dem Rotwein verschrieben, im Grunde wie in der ganzen Gegend. Einen Rosé macht man durch Saftabzug aus der Sangiovesetraube. Und nennt ihn Trasquanello. Zur Abrundung des Portfolios lässt man in der benachbarten Maremma den Trastella keltern, einen milden, fruchtigen Weißwein aus der Vermentino-Rebsorte, der ein wenig an Scheurebe erinnert. Die große Auswahl kommt beim Rotwein. Der Traluna – die Vorsilbe Tra- soll immer an Trasqua erinnern – bildet einen unkomplizierten, ordentlichen Einstiegswein, der im Wesentlichen an rote Früchte erinnert. Dann kommen die Chianti-Classico-Weine, das Herzstück der gesamten Weinkarte. Der Basiswein bietet bereits ein sehr gutes Bild davon, was man von einem modernen Chianti Classico erwarten darf: Rubinrote, dunkle Farbe, griffige Tannine, Röstaromen durch den Holzfassausbau, Beerenfrucht, kräftiger Körper.

Trotz der dreihundertjährigen Tradition hat auch das Consorzio, das für das Aufstellen und Überwachen der Regeln verantwortlich ist, nicht versäumt, das Profil des berühmten Weines an den veränderten Geschmack behutsam anzupassen und die Möglichkeiten zu nutzen, die im Qualitätsweinbau heute möglich sind. Der frühere Usus, einfach ein paar weiße Trauben mitzuvergären, um dem säure- und gerbstoffhaltigen Sangiovese etwas das Herbe zu nehmen, wurde etwa komplett verboten. Wie bekommt man die auf den ersten Blick etwas ruppige Rebsorte trotzdem geschmeidig und ausgewogen?

Chianti Classico braucht Zeit

Rot überwiegt: die vendita diretta, Probier- und Verkaufsraum.

Rot überwiegt: die vendita diretta, Probier- und Verkaufsraum.

Der Chianti Classico muss einfach lange genug reifen, erklärt Andrea. Gerade das Liegen auf der Flasche sei nicht zu vernachlässigen. Der Einstiegs-Chianti hier in Trasqua, der gerade in der Vendita diretta, dem gutseigenen Verkostungs- und Verkaufsraum angeboten wird, ist von 2012! Aber vor der Flasche kommt erst noch das Holz, das dem Wein hilft, schön rund zu werden. Tatsächlich wartet Villa Trasqua mit einer stattlichen Anzahl sowohl von großen Holzfässern als auch von kleinen Barriques auf. Gerade hat Gianni tagelang die großen Exemplare von innen ausgefräst, damit das Eichenholz wieder optimal seine Wirkung auf den Roten entfalten kann. Bei den Barriques geht das freilich nicht. Da heißt es nach einigen wenigen Benutzungen nur: weg und neu.

Die Riserva mit dem enthusiastischen Namen Fanatico wird mit größerem Aufwand ausgebaut und besitzt einen anderen, etwas komplexeren Charakter: In der Nase zeigt der 2011er Noten des Eichenholzfasses, aber auch Leder und Fleisch. Erst geschwenkt kommt etwas Frucht dazu. Am Gaumen dann Wildkirsche und ein frisches Quantum Säure. 2013 hat das Consorzio eine weitere, wenn auch von der Konzeption nicht unumstrittene, Stufe über der Riserva in das Chianti-Classico-Gefüge eingesetzt: die Gran Selezione. Für diesen Chianti verwendet man auf Trasqua die Trauben aus der besonders angesehenen Lage Nerento. Das Ergebnis ist ein schwarzroter, opaker und am Rand rubinrot auslaufender Wein mit einer hohen Viskosität. Holzfassnoten und dunkle sowie mazerierte Früchte herrschen bei dem Jahrgang 2009 vor, der allerdings durch einen sehr heißen Sommer geprägt wurde.

Bewährtes und Experimente

Besonders aufwändig und teuer: Barriques.

Besonders aufwändig und teuer: Barriques.

Villa Trasqua keltert auch Supertoskaner, also Rotweine, die nicht den Chianti-Classico-Regularien entsprechen, etwa weil sie auf internationale Rebsorten setzen. Unser Trasgaia, eine Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Cabernet Franc und Sangiovese, hat in den letzten Jahren immer wieder super Bewertungen bekommen, freut sich Alan Hulsbergen. Zuletzt Gold mit 95 Punkten beim Weinmagazin Decanter für den Jahrgang 2011! Der Drang, aus dem Boden auch andere, überraschende Weinqualitäten herauszuholen, war Anlass für ein Projekt, das man bezeichnenderweise Experimentum nennt: Hier wird zum Beispiel ein Alicante Bouschet, den man in der Toskana ohnehin suchen muss, reinsortig ausgebaut und lange im Barrique gereift. Bei einer Fassprobe ist man sich einig: Die Qualität überzeugt, aber der Wein muss einfach noch weiter reifen, bis die Tannine angenehm sind und das teure Holzfässchen die Primäraromen im richtigen Maße ergänzt hat. In jedem guten Jahr macht man einen anderen Experimentum, schließlich ist der Name Programm.

Ein super Jahrgang kündigt sich an

Ist noch nicht fertig, wird aber aller Voraussicht nach super: Chianti Classico, Jahrgang 2016.

Ist noch nicht fertig, wird aber aller Voraussicht nach super: Chianti Classico, Jahrgang 2016.

Dass sich hier guter, reinsortiger Merlot ausbauen lässt, ist dagegen längst erprobt und daher wird der Trasolo jedes Jahr gekeltert. Ein tiefdunkler, kraftvoller Wein, der mit aromatischen Noten von dunklen Beeren daherkommt und einem ungemein schmeichelnden Mundgefühl. Die Trauben des Jahrgangs 2016 sind im Keller, alles deutet darauf hin, dass es ein guter, wahrscheinlich ein exzellenter Jahrgang wird. Die Reben sind in der Dormanz und natürlich fragt man sich, was das Jahr 2017 bringen wird. Den Fluchtgang aus der Casa vecchia, erklärt Alan bei anderer Gelegenheit, habe man übrigens vor einiger Zeit zugeschüttet. Man ist gekommen, um zu bleiben.

Hier finden Sie eine Auswahl an Weinen der Villa Trasqua

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