Das Bordeaux -Teil 1


Ein Crash-Kurs in Sachen Rebsorten, Klassifikationen & Co.

Über das Bordeaux, die vielleicht bekannteste Rotwein-Region der Welt, wurde schon viel geschrieben. Unzählige Bücher füllt das Thema Bordeaux – bereits seit Jahrzehnten, ja fast Jahrhunderten. Unser Bordeaux-Liebhaber Cédric Garraud hat daher den Versuch unternommen, dieses durchaus komplexe Thema auf die wesentlichen Fakten zu verdichten.

Linkes und rechtes Ufer: Kompass der Rebsorten

Um einen guten Einstieg in die Materie zu liefern, möchten ich mich dem Bordeaux zunächst geografisch nähern: Die westlichste Weinregion Frankreichs befindet sich nicht nur in der Nähe der gleichnamigen Stadt, sondern sie liegt auch an den Flüssen Garonne und Dordogne, die sich dort zur Gironde vereinigen. Schaut man von oben auf eine Karte des Bordeaux, so kommen die Garonne und Dordogne von „rechts unten“, fließen zur Gironde zusammen und münden dann „links oben“ ins Meer. Dadurch ergibt sich ein linkes und ein rechtes Ufer und genau diese beiden Ufer helfen dem Weinfreund bei der Orientierung in Sachen Rebsorten im Bordeaux. Bitte?

Es ist eigentlich ganz einfach: Appellationen, also Anbaugebiete, auf der linken Gironde- und Garonne-Seite produzieren Weine, die durch die Rebsorte Cabernet Sauvignon dominiert werden – nicht selten verschnitten mit Merlot und Petit Verdot. Auf diesem „linken Ufer“ liegt auch die wohl bekannteste Appellation des Bordeaux, das Médoc. Auf der rechten Gironde- und Dordogne-Seite dominiert in der Regel der Merlot die Weine – in vielen Fällen noch mit Cabernet Franc zur typischen Bordeaux-Cuvée vermählt. Das kleine, aber feine Pomerol sowie die Appellation Saint-Émilion genießen hier den besten Ruf. Einen detaillierteren Überblick der Appellationen liefere ich aber in einem zweiten Beitrag nach.

Bordeaux Karte

Die Bordeaux-Klassifikation von 1855: Tradition verpflichtet

Das von Napoleon III. eingeführte Klassifikationssystem dient Weinfreunden bereits seit 1855 zur Orientierung. Auch heute noch eine gute Idee, zumal wir es aktuell im Bordeaux mit einer Anbaufläche von rund 120.000 Hektar zu tun haben, auf der rund 3.000 Châteaux ca. 5,7 Million Hektoliter Wein pro Jahr produzieren. Diese Klassifikation berücksichtigt aber nur das linke Ufer und zudem nur Weingüter aus dem Weinbaubereich Médoc und seinen Appellationen, da sie damals die besten Weine hervorbrachten. Dabei wurde nur eine Ausnahme gemacht, denn das in der Klassifikation berücksichtigte Château Haut-Brion ist im südlicheren Pessac-Léognan beheimatet. Aber wie wurde die Klassifikation genau festgelegt?

Zur Weltausstellung 1855 in Paris entschied der wichtigste Zusammenschluss von Weinhändlern im Bordeaux über die Vergabe der fünfstufigen Klassifizierung sehr pragmatisch: Nicht etwa wurden die Weine „gegeneinander“ verkostet, vielmehr wurde der Ruf der einzelnen Weingüter in Betracht gezogen, aber vor allem waren die damals für die Weine erzielten Marktpreise entscheidend. Seitdem kam nie ein weiteres Weingut hinzu, und ebenso wenig musste eines der Weingüter diesen Status aufgeben.

Lediglich 1973 gab es eine Änderung, als nämlich das Château Mouton Rothschild vom Deuxiéme Grand Cru Classé zum Premier Grand Cru Classé aufstieg. In dieser historischen und dennoch aktuellen Klassifikation in fünf Qualitätsstufen mit insgesamt 61 Häusern finden sich dann auch all die Namen wieder, die das Herz eines Weinfreundes höher schlagen lassen. Nur um einige Beispiele zu nennen, ein Auszug der Liste mit den klangvollen Namen:

Lediglich fünf Weingüter zählen zur Premier Grand Cru Classé:

  • Château Lafite-Rothschild (Pauillac)
  • Château Latour (Pauillac)
  • Château Margaux (Margaux)
  • Château Mouton-Rothschild (Pauillac), seit 1973, vorher Deuxième Cru
  • Château Haut-Brion (Pessac in Graves)

Die Deuxième Grand Cru Classé setzt sich aus vierzehn Häusern zusammen, darunter sind …

  • Château Rausan-Ségla (Margaux)
  • Château Léoville-las-Cases (Saint-Julien)
  • Château Pichon-Longueville-Comtesse de Lalande (Pauillac)

Ebenfalls vierzehn Weingüter zählt die Troisième Grand Cru Classé mit …

  • Château Lagrange (Saint-Julien)
  • Château Giscours (Labarde-Margaux)
  • Château Cantenac-Brown (Cantenac-Margaux)

Die Quatrième Grand Cru Classé umfasst zehn Häuser, darunter …

  • Château Branaire-Ducru (Saint-Julien)
  • Château Duhart-Milon-Rothschild (Pauillac)
  • Château Beychevelle (Saint-Julien)

Zu den 18 Weingütern der Cinquième Grand Cru Classé zählen beispielsweise …

  • Château Pontet-Canet (Pauillac)
  • Château Grand-Puy-Lacoste (Pauillac)
  • Château Lynch-Bages (Pauillac)

Natürlich lässt sich diese Einteilung nicht mehr uneingeschränkt auf die Weinqualität übertragen. Zum Beispiel haben sich einige der „5er Grand Cru Classé“wie Château Pontet-Canet hervorragend entwickelt und entsprechen daher gefühlt heute eher einem „3er“ oder sogar „2er“.

Die Premier Cru Classé Supérieur wird einzig und allein dem legendären Château d’Yquem im Bordeaux zuteil.

Süßweine, Saint-Emilion und Pomerol

Wie bereits beschrieben, deckt die Rotwein-Klassifikation von 1855 nicht alle Appellationen im Kerngebiet des Bordeaux ab, weshalb noch weitere Klassifikationssysteme in den Nachbarregionen entstanden. Ebenfalls aus dem Jahr 1855 stammt die Klassifikation der weltberühmten Süßweine aus Sauternes und Barsac. Hier existieren allerdings nur drei Kategorien: Premier Grand Cru Classé mit elf Weingütern, fünfzehn Châteaux mit Deuxième Grand Cru Classé-Status sowie die über allem thronende Klassifikation als Premier Cru Classé Supérieur, die einzig und allein dem legendären Château d’Yquem zuteil wird.

Die am „rechten Ufer“ gelegene Rotwein-Appellation Saint-Émilion ließ sich in Sachen Klassifizierung Zeit. Erst hundert Jahre später als seine „linken“ Nachbarn, nämlich 1955, klassifizierten sie ihre Weine. Allerdings ist man im Saint-Émilion etwas weniger traditionsbewusst und stärker an einem echten Qualitätssiegel interessiert. Daher wird die Klassifikation im Schnitt alle zehn Jahre angepasst. Derzeit beinhaltet diese vinophile Hierachie zunächst sechsundvierzig Grand Cru Classé. Darauf folgen vierzehn Güter mit dem Status eines Premier Grand Cru Classé B. Die Spitze bilden vier Weingüter, die als Premier Grand Cru Classé A gekennzeichnet sind: Château Ausone, Château Cheval Blanc, Château Angélus und Château Pavie.

Die benachbarte und kleinste Appellation im Bordeaux namens Pomerol hatte in Sachen Klassifizierung „Glück“: Erst Anfang des 19. Jahrhundert wurde die Weinwelt auf die meist aus 100 Prozent Merlot produzierten Weine aufmerksam. Zudem ist das Gebiet so klein, dass eine Orientierung ausnahmsweise auch ohne Klassifikation möglich ist. Das wirklich besondere an dieser 800 Hektar großen Appellation ist die Tatsache, dass von hier einige der besten und teuersten Weine des Bordeaux überhaupt stammen. Allen voran Château Petrus, das unter Kennern Weltruhm genießt.

Soweit die erste Lektion in Sachen Bordeaux. In meinem zweiten Beitrag widme ich mich einer kurzen Charakterisierung der einzelnen Appellationen.

Eine Auswahl an ausgezeichneten Weinen aus der Weinbauregion Bordeaux finden Sie hier.

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